Von drinnen und draußen Von Wilhelm Warning

Dieser Titel für das Projekt ist einfach und bildkräftig. Er zeigt zwei unterschiedliche Sphären, die nebeneinander bestehen. Deshalb kann er auch umgedreht werden: "Von draußen und drinnen".
Zunächst klingt das wie eine Feststellung. Drinnen. Draußen. Ein Zustand wird angedeutet. Hier stehe ich. Drinnen oder draußen. Blicke etwa durch das Fenster auf die Straße, die Wiesen, den Wald. Hier ist drinnen. Dort ist draußen. Das bedeutet, sich zunächst in einem abgeschlossenen, besonderen Raum zu befinden. Drinnen eben. Das Draußen dagegen ist der andere, der umgebende und unbestimmte Raum, der das "Drinnen", wie immer dies aussieht, umschließt. Beide Räume definieren sich durch die selbe Grenze. Es gäbe kein Draußen, wenn kein Drinnen existierte.
Der Text zum Kunstprojekt stellt das besonders heraus, wenn es heißt: "Von drinnen und draußen zeigt zwei Realitäten, die gegensätzlicher nicht sein könnten, und die doch nebeneinander existieren."
Dieser Gegensatz kristallisiert sich freilich erst in der Freiheit, sich von drinnen nach draußen (und umgekehrt) zu bewegen. Anders als das ‚und' signalisiert dieses ‚nach' eine Bewegung, die einen auf den ersten Blick alltäglichen Vorgang bezeichnet. Wir verlassen zum Beispiel morgens unsere Wohnung, unser Haus, um uns auf den Weg zur Arbeit zu machen. Um Freunde zu besuchen. Um eine Reise zu beginnen. Wir bewegen uns also von drinnen nach draußen. Oder wir treten aus, aus einer Partei, einer Gesellschaft, einer Kirche, bewegen uns im übertragenen Sinn von drinnen nach draußen.
Diese Möglichkeit, sich zwischen den Polen drinnen und draußen zu bewegen, gehört zum Kern unserer Freiheit. Denn grundsätzlich kann uns niemand zwingen, etwa an einem bestimmten, umschlossenen Ort, in einer bestimmten Partei, Gemeinschaft oder Kirche zu bleiben. Oder ihr beizutreten. Zwangsgemeinschaften kennzeichnen Diktaturen. Sie lassen die Bewegung zwischen drinnen und draußen nicht zu, sondern verriegeln die Übergänge. Türen und Fenster sind verschlossen, werden sogar zugemauert.
Das kann sich auch auf innere, psychische Vorgänge beziehen. Jemand vermauert den Weg nach draußen oder drinnen zum Beispiel durch Abhängigkeiten. Hier wird der Mensch - die Sprache wählt ein drastisches Bild - zum Sklaven seiner selbst, weil er gefangen ist im eigenen "Drinnen". Ein Handeln in Freiheit ist nicht mehr möglich, weil er keinen Zugang in die Unabhängigkeit findet. Freiheit bedeutet, vereinfacht ausgedrückt, selbstverantwortlich und frei von Zwang immer wieder neu Entscheidungen zu treffen und sie entsprechend in innere oder äußere Bewegung umzusetzen. Die "Freiheitsstrafe" als erzwungener Entzug dieser - körperlichen - Freiheit soll als staatliche Sanktion ihrem Erhalt dienen. Sie konstruiert eine meist vorübergehende und vom Gesetz gleichsam "erlaubte" Zwangsgemeinschaft.
Bekanntlich entstammt der Begriff "Kommunikation" dem Lateinischen. Communicare aber bedeutet nicht nur "mitteilen", sondern so viel wie "jemanden an etwas teilnehmen lassen", auch "an etwas teilhaben", "Anteil nehmen", und, so wörtlich "etwas mit als das seinige ansehen". Wer also im eigentlichen Sinn kommuniziert, teilt etwas von sich mit und teilt es mit dem anderen, indem der daran teilhaben kann. Wirkliche Kommunikation ist also ein komplexer wechselseitiger Prozess auf vielen Ebenen und ein intimer Austausch, der gegenseitiges Verstehen und Verständnis zwischen Sender und Empfänger voraussetzt. Wobei jeder gleichermaßen Sender wie Empfänger ist. Joseph Beuys hat dafür immer wieder eindrucksvolle Bilder gefunden. Wirkliche Kommunikation setzt deshalb voraus, dass jeder alle anderen daran Beteiligten nicht nur ernst nimmt, sondern in ihnen gleichwertige Partner erkennt. Was bedeutet, auch die Andersartigkeit, vielleicht sogar Fremdheit des Gegenübers zu akzeptieren. Das ist nicht nur eine Frage der kulturellen und sozialen Prägung, sondern auch der inneren Sicherheit und Souveränität. Wer kommuniziert, macht sich und seine Sicht der Welt nicht zum Maß der Dinge, da er den anderen Menschen sonst ausgrenzt. Das aber ist das Ende jeder Kommunikation, jeder Teilhabe, jedes Anteil Nehmens.
Von draußen und drinnen. Waltraud Funk, Christian Hörl und Gerhart Kindermann haben genau besehen mit ihrem Kunstprojekt das ,und' durch ein ‚nach' ersetzt, indem sie eine Brücke der Kommunikation initiiert und eingerichtet haben. Mitteilungen von draußen nach drinnen und von drinnen nach draußen. Sie haben ein Fenster in der Mauer geöffnet. Menschen, denen die Freiheit durch einen staatlichen Akt, die Rechtsprechung, entzogen worden ist, bekamen Nachrichten von draußen. Ausgewählte Bilder, mit denen sie nun leben. Bilder, die etwas erzählen von der Welt hinter den Mauern und jenseits des Beton. Die sie betrachten können. Ein Berg. Eine Rose. Magma. Himmel. Blätter. Blüten. Wasser. Ein Boot. Symbole. Hände. Gesichter. Menschen in Bewegung. Musizierend. Mit anderen kommunizierend. Unser blauer Planet. Bilder, die beschrieben sind mit Namen. Menschennamen, Ortsnamen, die damit nicht mehr gänzlich anonym sind in Mitten der vielen hundert Bilder, sondern greifbar, begreifbar. Das waren die, die dieses Foto schickten.' Ein riesiges, langes Tableau als Rauminstallation im Speiseraum der, wie sie im Juristendeutsch heißt "Justizvollzugsanstalt Kempten". Ein Ort, die Welt zu entdecken. Die Fülle vor Augen zu haben. Die Wahrnehmung zu schärfen. Optische Erfahrungen zu machen. Sich etwas vorzustellen, zu träumen. Von nahen und fernen Ländern, von Menschen, die da draußen leben. Von der Welt und vom Leben mit der Fülle der Gefühle. Der Heiterkeit, dem Ernst, der Einsamkeit, der Verbundenheit. Dem Zorn, der Liebe, der Angst, dem Vertrauen. Dies alles eingewoben in das lange Tableau auf der blaugrauen Wand. Ein Kunstwerk, entstanden aus behutsam geförderten Austausch, der sichtbar macht, dass "die da draußen" Kontakt aufgenommen haben mit "denen da drinnen". Sie nicht vergessen haben. Beide Sphären, das ist hier zu erfahren, gehören zusammen, bilden eine einzige Welt, trotz aller Trennung. Denn immer taucht sie wohl auf, diese Angst: Vergessen zu werden in der Abgeschlossenheit der Haft. Hier drinnen. Die sozialen Bindungen und Verbindungen zu verlieren. Dort draußen. Mit den Eltern, den Partnern, den Kindern, den Freunden.
Auch das wird spürbar, in den Interviews, die die Künstler geführt und damit den Häftlingen eine Stimme gegeben haben. Es gehört als Teil des Projekts zur Kommunikation. Diesmal in der anderen Richtung. Von drinnen nach draußen. Wie die Fotos, die die Menschen drinnen von sich gemacht haben, von ihrer Lebenssituation, ihren Umständen, von ihrer Sicht der Dinge. Eine Sicht, die auf Bildern festgehalten worden ist, um veröffentlicht zu werden. Öffentlich zu werden.
Was bewegt uns. Mitteilungen aus dem Knast. Keine Kassiber. Vielmehr Persönliches. Seht, so sind wir! Das ist uns wesentlich und das halten wir fest! Körperlichkeit zum Beispiel. Fitness. Tätowierungen. Das Außen für die draußen. Ein Muskelmensch mit der Werbeparole "Be somebody with a body" taucht in einem der Bilder aus Andy Warhols "Last Supper" Zyklus auf. Dieses "be somebody" spielt eine wesentliche Rolle für die, denen das im gesellschaftlichen Kontext kaum zugestanden wird und die es in ihrer Stärke buchstäblich zu verkörpern suchen. Aber auch die "Verschubung", wie die meist gehasste Fahrt von einer Haftanstalt zur anderen oder zum Gerichtsgebäude heißt. In vergitterten Fahrzeugen durch die andere Sphäre, der scheinbaren Freiheit zum greifen nah. Auch das gehört in die Geschichten von drinnen und draußen und wird durch die Kunst umgewandelt in eine Mitteilung von drinnen nach draußen. So, wie in der JVA, dem Kürzel für Justizvollzugsanstalt - sprich: Gefängnis, Haft, Knast - die Welt außerhalb zu entdecken ist, so wird hier, in diesem Buch, das seinerseits Teil des Gesamtkunst -projekts ist, die Innenwelt nach aussen transportiert.
Kunst wird damit in vielfacher Hinsicht zum Träger von wechselseitiger Teilnahme einander sonst verschlossener Bereiche. Ein Austausch von Kennenlernen und Erkennen: Letztlich also ein Erkenntnisprozess. Das ist eine der Ur-Aufgaben der Kunst: Facetten der Weltvielfalt in Formen zu fassen und durch diese formulierte Botschaft Erkenntnisprozesse in Gang zu setzen. Kunst ist allemal ein Prozess der Kommunikation, ist Austausch, ist Mittel, um zu bewegen, zu durchdringen. Sie transportiert etwas von draußen nach drinnen und von drinnen nach draußen. Hier geschieht es besonders eindrucksvoll, weil Waltraud Funk, Christian Hörl und Gerhart Kindermann sich in ihrem Projekt mit besonderer Einfühlsamkeit, Zurückhaltung und nicht nur ästhetisch höchst überlegt den überaus schwierigen Beziehungen zwischen den Menschen beider Sphären angenähert haben.