Einführung von Dr. Anne-Cecile Foulon , Kunsthaus Kaufbeuren

Von drinnen und draussen. Ein Kunstprojekt von Waltraud Funk. Christian Hörl und Gerhart Kindermann

Eröffnung am 6. Sept. 2003 in der Justizvollanzugsanstalt Kempten

Im Zusammenhang mit dem Bau der neuen Kemptener Justizvollzugsanstalt schrieb das Justizministerium 2001 bayernweit einen Wettbewerb für die Schaffung eines Kunstwerks in der Anstalt aus. Ich begrüße diese Initiative und finde es sehr erfreulich, dass die Kunst auch bis hinter diese hohen Mauern reicht und dorthin einen Hauch von Freiheit bringt.

Die drei Allgäuer Künstler Waltraud Funk, Christian Hörl und Gerhart Kindermann gewannen den ersten Preis mit einer kühnen Idee: die Gestaltung einer Bilderwand, die die Verbindung herstellt zwischen "drinnen und draussen", also zwischen der Welt des Gefängnisses und der freien Umwelt außerhalb. Das Kunstwerk sollte "einen Dialog zwischen der Gesellschaft und den Gefangenen über die Mauern hinweg eröffnen" und bei Menschen Ideen hervorrufen, mit denen sich andere weiter auseinandersetzen können. Die Grundidee von W. Funk, C. Hörl und G. Kindermann war, ein interaktives Projekt zu entwickeln und damit vom klassischen Kunstwerk abzuweichen.

Das Projekt "Von drinnen und draussen" setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Die erste Phase trägt den Titel "Von draussen nach drinnen". Sie entstand mit Beteiligung der Öffentlichkeit ab dem Jahr 2002. Der Allgäuer Zeitung wurde ein von den Künstlern gestaltetes Faltblatt beigelegt. Es forderte die Leser dazu auf, bei diesem Gemeinschaftsprojekt mitzumachen, indem sie Bildergrüße an die . Gefangenen senden sollten. "Mit einer Bildbotschaft tragen Sie dazu bei, dass Farbe und Fantasie in den grauen Alltag der Gefangenen kommen, und setzen ein kleines Zeichen von persönlicher Anteilnahme", hieß es in dem Faltblatt. Dies diente als Einstieg in das Projekt und sollte den Interessierten eine Richtung, ein paar Beispiele zeigen, um ihre Hemmschwelle zu senken und ihre Kreativität anzuregen. Jede(r) konnte entweder unter den 90 im Prospekt vorgeschlagenen Fotos auswählen, oder sogar ein eigenes Bild zuschicken.

880 Personen beteiligten sich, darunter ca. 400 mit eigenen Fotos. Zusendungen kamen hauptsächlich aus dem Allgäu und Umgebung, aber auch aus ganz Deutschland von Konstanz bis Berlin und dank der eingerichteten Internetseite sogar aus dem Ausland, zum Beispiel aus Innsbruck, Luxembourg, Barcelona, Edinburgh, New York oder Neuseeland. Das Thema hat die Menschen bewegt und angeregt.

Die zugeschickten und ausgesuchten Bilder wurden auf Metallplatten gedruckt und mit Namen und Wohnort des Absenders, soweit vorhanden, versehen. Je häufiger ein Bild ausgesucht wurde, desto größer wurde das Foto abgezogen. Die Künstler fügten sie dann zusammen und komponierten diese 20 Meter lange und 1,80 Meter hohe Bilderwand.

Daraus entstand ein buntes Mosaik, in dem sich die vielfältigen, unterschiedlich großen Steine mit all ihren Farben und Motiven zu einem Gesamtbild der Außenwelt zusammenfügen. Diese Art Collage spiegelt die Buntheit des Lebens "draußen" die Vielfalt der Menschen, ihrer Hauptinteressen und ihrer Gefühle wider. Ein einziger Blick reicht nicht aus, um diese Wand zu betrachten und wirklich wahrzunehmen. Jedes Hinschauen ist eine Entdeckung und bringt neue Eindrücke und neue Erkenntnisse mit sich.

Als Raum für ihr Kunstwerk wählten die drei Künstler den Speisesaal der Gefangenen aus, einen von den Inhaftierten mehrmals täglich besuchten Ort. Diese Kunstwand ist ein Angebot an die Gefangenen, beim Essen auch Nahrung für den Geist aufzunehmen, auf neue Ideen zu kommen, neue Eindrücke zu sammeln, neue Perspektiven zu gewinnen.

Beim Anblick der Wand stellen sich dem Betrachter unwillkürlich die Fragen: Was vermissen Häftlinge am meisten'? Was empfinden sie in der Situation des Freiheitsentzuges? Woran müssen sie oft denken? Decken sich diese Bilder mit den Sehnsüchten der Inhaftierten? Oder woran wollen wir, dass sie denken'? Mit Ausnahme eines Riesenrades stammen die aus dem Faltblatt am häufigsten ausgesuchten Motive aus der Natur. Sie zeigen Blumen (Rosen, Seerosen, Enzian), Landschaften (Bergansichten, die Erde vom All aus betrachtet) und Naturphänomene (Vulkanausbruch).

Die immer wiederkehrenden Themengebiete der zugesandten Fotos vermitteln sehr unterschiedliche Botschaften: Wie eine schöne Ansichtskarte aus der Freiheit schickten manche Teilnehmer ein aus dem Alltag herausgepicktes Foto. Die schönen, erfreulichen Bilder zeigen dann Motive aus der Natur (Blumen, Bäume, Tiere aber auch Sonnenuntergänge, Berg- und Meeresblicke), aus der Familie (Kinder, Frauen, Hochzeitsbild), aus der Arbeit und der Freizeit (Sport, Musik, Urlausbilder, Wanderungen, Volksfestbilder). Andere suchten sich Bilder mit symbolischem Charakter aus (vgl. Landschaften mit unendlichen Aussichten und Horizonten, Himmelansichten, Luftballons oder ein Motorrad als Symbol der Freiheit). Einige der zugeschickten Bilder gehen auf die Umstände der Gefangenen ein und drücken unbehagliche Situationen aus (z. B. dicke Ketten, ein vergittertes Erdloch, ein Leuchtturm verloren im stürmischen Meer, Menschenschatten). Die Gesamtheit dieser Grüße ist als Zeichen der Bevölkerung zu verstehen, dass die Häftlinge nicht auf immer ausgeschlossen und weiterhin Bestandteil der Gesellschaft sind.

Dieses auf den ersten Blick zweidimensionale Kunstwerk birgt in sich eine dritte Dimension. Es trägt in sich den Charakter eines Bauelementes, sogar einer Bauerweiterung. In ihm sehe ich gleichzeitig ein Fenster und eine Brücke. Wie ein Fenster in der Wand ermöglicht dieses Gesamtbild einen Blick nach "draußen" einen gedanklichen und bildlichen Ausflug in die äußere Realität. Dieses Fenster bringt auch Licht, Farbe, Freude und Leben nach innen. Durch dieses Fenster winken die Außenstehenden. Wie eine Brücke soll diese Bilderwand den Gefangenen den Weg zurück in die Gesellschaft erleichtern.

Die zweite Phase des Projektes mit dem Titel "Von drinnen nach draussen" wird den Dialog zwischen Innen- und Außenwelt zwischen den Häftlingen und der Bevölkerung weiterführen. Dieser zweite Teil wird demnächst beginnen, wenn die Häftlinge in die JVA Kempten eingezogen sind. Mit den Künstlern zusammen werden sie dann Bilder aus ihrem alltäglichen Leben in der Justizvollzugsanstalt machen. 2004 werden diese Bildbotschaften der Öffentlichkeit "draussen" in einer Ausstellung in Kempten vorgestellt.

Das Kunstwerk von Waltraud Funk, Christian Hörl und Gerhart Kindermann setzt die Tradition der Prozesskunst und der "sozialen Plastik" fort. Wie früher Joseph Beuys fordern die drei Künstler die Menschen zum kreativen Gestalten auf, fordern sie dazu auf, ihre Sinne zu aktivieren, die Wahrnehmung ihrer Umwelt in einem Kunstwerk umzusetzen und weiter darüber zu reflektieren. Wie bei Jochen Gerz basiert ihre Arbeit auf einem Dialog zwischen Schaffenden und Betrachtern. Frage und Antwort, Vergessen und Erinnerung, Vergänglichkeit und Bleiben bilden die Pole, zwischen denen sich auch das Projekt "Von drinnen und draussen" bewegt.

Zum Schluß möchte ich noch im Namen der Künstler einen besonderen Dank an all diejenigen aussprechen, die sich an diesem Projekt beteiligt haben. Meine Damen und Herren, ich bedanke mich auch sehr für Ihre Aufmerksamkeit und lade Sie dazu ein, die heutige einmalige Gelegenheit zu nützen, um noch ein letztes Mal diese Bilderwand an Ort und Stelle zu betrachten und zu bewundern, bevor sich die Türen des Gefängnisses schliessen.

Dr. Anne-Cecile Foulon