Die neue Justizvollzugsanstalt in Kempten

Beitrag des Leiters der Justizvollzugsanstalt Kempten, Ltd.Regierungsdirektor Gisbert Rehmet


Seit dem Frühjahr 1999 befindet sich die neue Justizvollzugsanstalt im Kemptener Stadtteil Bühl im Bau und wird voraussichtlich im Sommer 2003 bezogen werden können

Die aus dem Jahre 1856 stammende Vollzugsanstalt in der Weiherstraße 7 mit 101 Haftplätzen genügt nur noch bedingt den Erfordernissen eines modernen, behandlungsorientierten Strafvollzuges und bietet den Bediensteten keine zeitgemäßen Rahmenbedingungen für ihre anspruchsvolle und schwierige Arbeit. Ihre Situierung inmitten der Altstadt entsprach früheren Bedürfnissen, aus heutiger Sicht kann eine Justizvollzugsanstalt ihre gesetzlichen Aufgaben aber nur dann erfüllen, wenn sie architektonisch, städtebaulich und sozial - vor allem unter Berücksichtigung von Nachbarinteressen -in die Umgebung eingebunden ist. An der Peripherie der Stadt Kempten ist aus meiner Sicht ein idealer Standort für die neue Vollzugsanstalt gefunden worden.
Die auf einer Fläche von 4,4 Hektar zu errichtende Anstalt bietet insgesamt 338 Haftplätze, davon 30 im offenen Vollzug, der für geeignete Gefangene mit kurzen Strafen oder Strafresten vorgesehen ist. Im geschlossenen Vollzug können erwachsene männliche Untersuchungs- und Strafgefangene in 22 Abteilungen mit jeweils 11 Einzelhafträumen und einem Gemeinschaftshaftraum für drei Gefangene untergebracht werden. In dieser Größenordung können Gefangene erfahrungsgemäß leichter an die Notwendigkeiten eines geordneten Lebens in Gemeinschaft heran geführt werden, was ihnen nach ihrer Entlassung zugute kommt.
Bei der Ausgestaltung der Haft- und Nebenräume wurde neben dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit sowie der Haltbarkeit der ausgewählten Materialien darauf geachtet, übertriebene Standards oder gar Luxus zu vermeiden. Es hat sich herausgestellt, dass auch mit vernüftigem Aufwand eine Atmosphäre hergestellt werden kann, die es dem kooperativen und resozialisierungsbereiten Gefangenen ermöglichen wird, sich mit seiner Straftat, dem begangenen Unrecht und der Situation des geschädigten Opfers auseinander zu setzen.
Dieser Aspekt hat auch für die Arbeits- und Freizeiträume der neuen Anstalt Gültigkeit. Die Gefangenen werden hauptsächlich in einem Arbeitsbetriebsgebäude mit rund 3.000 qm Gesamtfäche Tätigkeiten für externe Unternehmer, aber auch Arbeiten in der Anstaltsküche, der Wäscherei sowie im Bereich der Hausbewirtschaftung unter Anleitung qualfizierter Mitarbeiter ausführen.
In der Freizeit stehen den Gefangenen Räumlichkeiten für Fortbildungsmaßnhmen, Gesprächstherapien, soziales Training und Sport sowie eine Bücherei zur Verfügung. Da häufig eine planlose und unstrukturierte Freizeitgestaltung Ursache für die Begehung von Straftaten ist, wird im moderen Strafvollzug großer Wert darauf gelegt, vernüftiges Freizeitverhalten während der Inhaftierung zu erlernen. Hierbei wird dem Gefangenen nachdrücklich nahegelegt, das vielseitige Freizeit- und Behandlungsangebot der Anstalt in Anspruch zu nehmen. Behandlungsvollzug stellt sich im Wesentlichen als Erziehungsarbeit dar, die den Gefangenen entsprechend fordert. Für einen "Hotelvollzug" mit umfangreichen Annehmlichkeiten ist hierbei konsequenterweise kein Raum.
Die Vollzugsanstalt stellt sich aber auch als Arbeitsfeld für die Vollzugsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter dar. Bei der Planung wurde von Anfang an das Ziel verfolgt, Arbeitsplätze zu schaffen, die ein positives Arbeits- und Betriebsklima fördern und moderne Organisationsmethoden unter Einbeziehung adäquater technischer Hilfsmittel ermöglichen. Dies ist aus meiner Sicht zur Bewältigung der schwierigen und komplexen Aufgaben aller im Vollzug Tätigen neben einer postiven Grundeinstellung zu ihrer Arbeit unverzichtbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Durchführung des Behandlungsauftrags. Auch wenn die Anstalt im Innen- und Außenbereich mit modernster Sicherheitstechnik zur Verhinderung von Ausbrüchen ausgestattet werden wird, so liefert eine erfolgreiche Resozialisierungsarbeit den besten Beitrag zum Schutz der Allgemeinheit vor Straftaten sowohl während des Vollzuges als auch nach einer Entlassung.
Für die Stadt Kempten und das Umland stellt der Bayerische Justizvollzug somit anspruchsvolle und interessante Arbeitsplätze für rund 140 Beschäftigte zur Verfügung. Bisher konnte erfreulicherweise eine beachtliche Anzahl von Interessenten und künftigen Mitarbeitern aus dem Allgäuer Raum gewonnen werden, die sich nach bestandenem Ausleseverfahren bereits an der Bayer. Justizvollzugsschule in Straubing in Ausbildung befinden.
Das Projekt von Christian Hörl, Gerhart Kindermann und Waltraud Funk erhielt im Rahmen eines Kunstwettbewerbs den 1. Preis. Das Vorhaben stellt nach meinem Empfinden eine außerordentlich interessante Alternative zu den ansonsten üblichen Kunstwerken dar, die aus Wettbewerben hervorgehen und im Innen- oder Außenbereich eines Gebäudes positioniert werden. Gerade die Einbeziehung der Bevölkerung in den Dialog mit den Gefangenen über die Anstaltsmauern hinweg eröffnet völlig neue Perspektiven einer Öffentlichkeitsarbeit, die in dieser Form noch nicht praktiziert worden ist. Ich wünsche dem Vorhaben der Künstler einen erfolgreichen Abschluss und möchte interessierte Bürgerinnen und Bürger auffordern, durch rege Teinahme ihren Beitrag zum Gelingen des Kunstprojekts zu leisten.