Ich lebe getrennt von meiner Frau, seit 4 Jahren. Ich bin ausgezogen, vom eigenen Haus, von meinem Elternhaus. Sie hat es weiterbewohnt mit den Kindern. Die Töchter hatten Katzen, einen Hund, die Frau hat einen Gaul, die finden so schnell keine Wohnung. Ich hab 15 Jahre am Haus gebaut. Es war ein ehemaliges Bauernhaus, mein Elternhaus, ich hab die Landwirtschaft aufgegeben. Jetzt wird's verkauft, ich verheb's nicht mehr, ich hab keinen Lohn mehr, die Tilgung läuft jeden Monat.
Ich hab den Stall ausgebaut, da hab ich Schulden gemacht. Wir hatten damals beide den Größenwahn: Wir haben alles unterkellert, obwohl wir in dem Bauernhaus genug Platz gehabt haben. Da hab ich vor Arbeit nicht mehr raus gesehen, da meint man irgendwann, es gibt nur noch Arbeit und das blöde Haus und man vergisst alles andere, du vergisst das Leben.
Ich konnte zum Beispiel keinen Tag zum Baden. Das ging nicht bei mir. Da hinlegen und daheim hab ich die und die Arbeit.
Ich erinnere mich, einmal wollten sie alle in die Landesgartenschau gehen, ich hatte gerade eine Arbeit zuhause angefangen. Ich weiß noch gut, ich sagte: ich kann da nicht mitgehen, ich muss arbeiten. Die Kinder wollten auch, dass ich mit geh', aber ich: nur schaffen, schaffen, schaffen. Wir waren in einer Clique, meine Frau, da hat jeder weiß Gott was gehabt, da meint man, man muss auch mitmachen. Du solltest ein Haus haben, pikobello Einrichtung, solltest noch Urlaub machen. Wir haben immer gedacht, da muss man so mitmachen, damit man reinpasst. Das war der größte Schmarrn. Wenn sie mich nicht so wollen wie ich bin, sollen sie es sein lassen. Aber das kennt man immer erst nachher.

Die jüngste Tochter ist 18 geworden. Ich habe aufgehört mit Unterhalt zahlen, da kommt ein Einschreibbrief von meiner Frau, ich muss weiterzahlen, ich musste auch an das Finanzamt was zurückzahlen, bis ich einen Ausraster hatte.
Ich hatte nichts getrunken. Ich habe keine Alkoholprobleme. Ich bin nachts zum Haus gefahren, da ist sie zufällig heimgekommen. Da ist es soweit gekommen, sie hat die Tür aufgemacht, sie hat gemerkt, dass ich es war, aber ich hab die Tür aufgedrückt. Dann ist es weitergegangen, zuerst, Auseinandersetzung, so mit reden, dann hab ich sie gepackt und bedrängt und weiß Gott was Dreckiges gesagt.
Und es ist so weit gegangen, auf sexuelle Nötigung, weil ich ihre Bluse verrissen habe. Ich hab meine Frau nicht richtig verprügelt. Ich hab eine unbändige Kraft in meinen Händen. Ihre Handgelenke waren jedenfalls richtig blau und ich hab sie an die Wand gedrückt, da war am Rücken auch alles blau, keine Knochenbrüche. Ich schlage nicht zu, aber sexuelle Nötigung ist sexuelle Nötigung. Versuch der Vergewaltigung kann man auch sagen. Seitdem bin ich da drinnen.

Ich habe noch keinen Gerichtstermin und bin die 4. Woche herin. Die Verhandlung steht mir noch bevor, Zeugen gibt es keine. Am Anfang hab ich gelogen, ich hab gesagt: das war ich nicht, aber das war sinnlos, wenn bei ihr alles blau ist und geschwollen. Ich werde alles zugeben, auch wenn nicht alles so stimmt, aber ich möchte vor Gericht nicht ins Detail gehen.

Manchmal hab ich das Gefühl, zu viel Kraft zu haben.

Sonst hab ich mir nichts zu Schulden kommen lassen. Jetzt bin ich in U- Haft, ich hoffe nicht so lang, weil sonst verlier ich meinen Arbeitsplatz, dann geht der soziale Abstieg erst los. Ich bin Forstwirt, seit 34 Jahren, da kannst du nichts anderes tun. Ich kann nur Bäume umsägen, Bäume pflanzen, alles was mit Wald zu tun hat. Den Wald kann man anpacken wie einen rohen Klotz, aber da sollte man ja Gefühle zeigen und Gefühle haben und wenn man verärgert ist, dann hab ich diese Gefühle nicht, die verdräng ich. So ist das alles auch gekommen.

Jetzt steh ich am Abgrund. Ich bin 48 Jahre alt. Ich rechne mit einem Jahr Gefängnis, damit hab ich mich schon abgefunden. Ich hab Selbstmordgedanken gehabt, aber jetzt nicht mehr. Ich hab zwar ‘nen roten Punkt drin, aber...für den Blödsinn werf ich mein Leben nicht weg. Wenn man da drin ist, schätzt man das Leben erst. Da denkt man, was man dann draußen alles macht, Motorradfahren und so.

Ich habe keine Vorstrafe, aber wegen Wiederholungsgefahr sitze ich. Vor vier Jahren hab ich was gehabt, da hat es keine Anzeige gegeben, ich bin dann in eine psychotherapeutische Klinik gegangen. Dann war ich immer ein bisschen beim Psychiater, der sagt aber, er übernimmt die Verantwortung nicht, obwohl ich jetzt darüber hinweg bin, ich hab jetzt die Scheidungspapiere. Ich war 23 Jahre verheiratet.

Sie sagt immer, ich hab mich furchtbar verändert, das Umbauen, die Schulden. Ich sag, sie hat sich verändert, jeder hat sich verändert.

Jetzt ist alles kaputt, durch den einen Blödsinn. Ich habe überhaupt keinen Kontakt mehr zum Dorf. Ich habe wenig Bekannte. Ein Arbeitskollege hat mich mit seiner Mutter besucht. Die Schwester will mal kommen, aber ich hab sie noch nicht auf die Besucherliste geschrieben. Ich bin auch ganz froh, wenn niemand kommt, denn das ganze Drumherum... zum Beispiel kann es passieren, dass man sich nach einem Besuch komplett ausziehen muss. Das find ich so frustrierend.
Weil mich das immer gewurmt hat, was heißt gewurmt: Ich hatte halt Heimweh. Unter Tags bin ich nicht so hinauf, ich bin halt nachts hinauf. Reden konnten wir nicht mehr, wir haben ja nur gestritten. Da bin ich halt nicht mehr hinauf, nur nachts, oder wenn ich wusste, dass niemand zu Hause war.
Die Zerrüttung dauert schon fünf bis sechs Jahre. Vorher war's für mich ok. Ich hatte Depressionen gekriegt. Ich hab praktisch alles selber gemacht, von den Möbeln angefangen, einfach alles. Früher hab ich mich unbandig gefreut, wenn was fertig war. Dann war's halt so: Das ist nichts geworden, das ist Mist, da hab ich mich immer selber runtergedrückt. Das war so der Anfang der Depressionen. Ich bin nicht mehr weggegangen, hatte immer Druck.
Die Frau hat schon immer gesagt: schau, dass du zum Psychiater gehst. Was, ich geh doch nicht zum Psychiater, ich geh doch nicht ins Irrenhaus, hab ich gesagt. Ich hab es lange nicht glauben wollen, dass sie recht gehabt hat, weil ich das selber gar nicht so mitgekriegt habe.

Später bin ich auf psychosomatischer Kur gewesen, acht Wochen lang, die hat mir ganz gut getan. Das hat mich auch gewurmt: Da hat mich meine Frau und meine Kinder nie besucht. Das hat mich unbandig gewurmt. Die Kinder haben Angst vor mir, weil sie Angst haben, ich tu ihnen das gleiche wie der Frau.
Ich hab da schon so viel hören müssen, wie: du wärst lieber tot. Irgendwann schließt man dann ab. Wenn man bei anderen Vater-Sohn oder Vater-Tochter Beziehungen sieht, da bekommt man schon einen Druck. Aber jetzt ist es vorbei. Ich bin seitdem beim Psychotherapeuten, aber von dem bin ich auch sehr enttäuscht.

Die erste Woche hier herinnen glaubt man, man wird verrückt. Das Laute, die vielen Nationalitäten, die Türken schreien rum. Abends wird von oben nach unten geschrien. Du willst das Fenster aufhaben, bist am überlegen und dauernd das Geschrei. Am Anfang kann man gar nicht abschalten.
Ich hab mir mal die Ohren zugehalten, dass ich nichts mehr höre.
Hier herinnen kann man nicht telefonieren, für jeden Pipifax muss man einen Antrag stellen. Das ist schwer, gerade für mich, der nicht viel schreibt, das nicht gewohnt ist. Ich sollte zum Beispiel das Auto abmelden, aber ich hab niemand der das für mich tut, das ist brutal. Versicherungen hab ich alle gekündigt, viel Geld verloren.

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal ins Gefängnis komme, nie.