Warum ich jetzt hier bin, ist eigentlich ganz einfach. Ich habe damals eine Bewährungsstrafe gehabt, die laut meiner Akten abgelaufen war. Dann habe ich meine Sachen gepackt und bin in die USA gegangen, das war schon immer ein Traum von mir gewesen. Die Aktion war sehr spontan gewesen, obwohl ich es schon länger im Hinterkopf gehabt habe. Es ist nur immer an der Umsetzung gescheitert, weil immer viel dagegen gesprochen hat, wie z.B. die Bewährung, meine Familie oder die Arbeit. Als ich arbeitslos wurde, habe ich mir gesagt: wartest noch die 2,5 Monate ab, bis die Bewährung abgelaufen ist und dann machst dich auf den Weg in die USA. Gut, das habe ich dann auch gemacht. Sieben Monate später ruft mich mein Vater an und sagt mir, dass ein Haftbefehl vorliegt und ich mich mit dem Richter in Verbindung setzen soll. Dieser hat mir dann gesagt, dass ich gegen die Bewährungsauflagen verstoßen habe, gegen die Meldepflicht, und dass die Bewährung seinen Unterlagen nach bis zum 19. Dezember ging, weil sie sich wegen Rechtsmitteln noch herausgezögert hätte. Meine Unterlagen, auf denen 30. November stand, waren also nicht mehr gültig. Dann habe ich mich entschuldigt und ihm gesagt, dass es ein Missverständnis gewesen ist und es mir Leid tut. Der Richter meinte nur, dass ich mich nicht herauszureden bräuchte und das alles nicht passiert wäre, wenn ich mich von meiner Bewährungshelferin anständig verabschiedet hätte. Danach habe ich eine schriftliche Beschwerde beim Oberlandesgericht eingereicht, die dann jedoch abgeschmettert wurde. Ich musste also wieder zurück, wollte aber nicht direkt am Flughafen verhaftet werden. Deshalb bin ich nach Zürich geflogen und habe mich dort abholen lassen, damit ich wenigstens noch zwei bis drei Tage mit meiner Familie verbringen konnte. Am 25.7. letztes Jahr habe ich mich dann gestellt.

Eine Bewährungsstrafe kam daher, dass man mir mit 4,4 Promille den Führerschein genommen hat. Der Arzt, der mir damals das Blut abgenommen hat, hat gesagt, dass viele mit der Promillezahl tot sind und ich bin noch relativ gerade gelaufen, habe nicht gelallt. Damals war ich 27. Das erste Mal, als man mich mit Alkohol am Steuer erwischt hat, war mit 17, als ich noch keinen Führerschein hatte. Damals gab es aber keine Bewährungsstrafe, sondern nur 40 Sozialstunden, die ich während meinem Urlaub auf einmal abgearbeitet habe. Dazu kam noch eine kleine Führerscheinsperre.

Ich habe viele Beziehungen in den Sand gesetzt, viel gelogen, bin ungerecht zu Leuten gewesen an denen mir eigentlich viel lag und alles eigentlich nur um den Alkohol zu vertuschen oder schön zu reden. Ich wollte damals unter anderem natürlich auch in die USA, um einfach alles abzubrechen und neu anzufangen. Bloß habe ich den Fehler gemacht, dass ich mich im Prinzip selber belogen habe und nicht nur die anderen. Die anderen haben es gemerkt… irgendwann verstrickt man sich in die Geschichten und verletzt die eigenen Leute. Deshalb wollte ich einfach weg und neu anfangen. Meine Probleme habe ich aber mitgenommen und bin eigentlich vor mir selbst weggelaufen. Das war ein verzweifelter Versuch, der einfach gescheitert ist. In Amerika bin ich auch an mir selbst gescheitert, an meiner Sauferei. Einmal bin ich dort nach einem knapp viertägigen Koma im Krankenhaus aufgewacht. Meine Nachbarin hat mich damals gefunden. Ich habe in einem Zeitraum von sieben bis neun Stunden 24 Halbe Bier und knapp drei Flaschen Wodka getrunken. Das war dann so viel, dass das mein Kreislauf nicht mehr gepackt hat. Während dem Koma haben bei mir Atmung und Herzschlag ausgesetzt, so dass man mich reanimieren musste. Das war der Zeitpunkt, an dem ich mir wirklich gesagt habe: jetzt musst du wirklich was ändern. Geschafft habe ich es leider nicht wirklich, da ich zwei Wochen nach meiner Entlassung schon wieder angefangen habe zu trinken.

Ich habe mich nicht beschwert, als ich eingesperrt wurde. Mich hat es damals nur geärgert, dass es so blöd gelaufen ist mit dem Ablauf der Bewährungszeit. Ich war zuerst sauer auf den Richter, später habe ich mir gesagt: Gut, hättest du dich gleich ordnungsgemäß verhalten und hättest dich von der Bewährungshelferin verabschiedet, dann wäre es nie soweit gekommen. Den Fehler habe ich gemacht und ich muss sagen, hätte ich vorher keinen Scheiß gemacht, hätte ich keine Bewährung bekommen und es bringt nichts, wenn ich meine Fehler anderen in die Schuhe schiebe.

Das Jahr hier hat sich stellenweise sehr lang angefühlt. Andererseits war es aber auch lehrreich. Draußen hätte ich mir, glaube ich, nie so viel Zeit genommen, um nachzudenken. Am Anfang habe ich einen Fernseher gehabt, bis ich ihn im Februar abgegeben habe. Ich habe mich dann viel mit Lesen beschäftigt, die Bücher so richtig verschlungen. Das hat dann die Phantasie angekurbelt und mich über mein Leben nachdenken lassen.

Ich habe schon mal in F. eine Therapie gemacht und die war wirklich hervorragend. Von Februar bis Juli 2003. Ich habe nie richtige Entzugserscheinungen gehabt und wenn, dann habe ich sie unterdrückt oder niemandem gesagt, dass es so ist. Es war eine reine Therapie. Was bei mir noch dazukommt ist das Borderline-Syndrom, was jetzt jedoch schon seit ein paar Jahren ausgeblieben ist. Das letzte Mal war ein Jahr vor dieser Therapie in F. Das wurde dann in Verbindung mit dem Alkohol therapiert, weil ich im nüchternen Zustand nie so einen Druck aufgebaut habe, dass ich an mir selbst herum geschnitten habe.

Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich neun Jahre alt war. Das war schon schlimm, aber ich mache sie nicht dafür verantwortlich, dass ich Muster in meine Arme geritzt habe. Es hat vielleicht dazu beigetragen, dass ich mich noch mehr hin und her gerissen gefühlt habe oder noch weniger mit mir selber umgehen konnte, aber ich habe die Schuld immer bei mir gesucht, wobei meine Eltern mir nie das Gefühl gegeben haben, dass ich Schuld war. Das habe ich mir selber erarbeitet. Ich hatte immer zu beiden ein gutes Verhältnis, wobei meine Mutter mir das mit der Lügerei immer sehr übel genommen hat. Es gab auch Abschnitte von einem halben Jahr oder länger, als ich kein Wort mit ihr geredet habe, was mir wirklich sehr Leid tut. Seit ich hier bin, seitdem sie sieht, dass endlich was voran geht, dass ich was für mich selbst tue, habe ich ein Verhältnis zu meiner Mutter wie ich es noch nie gehabt habe. Das ist eine der tollsten Veränderungen, seit ich da bin, und die möchte ich nicht missen. Ich weiß genau, dass ich das kaputt mache, wenn ich wieder mit dem Trinken anfange.

Als ich 23 Jahre alt war, ging die Ritzerei auf den Hals über. Es war aber nicht mit der Absicht, mich umzubringen, es war einfach nur unwillkürlich. Ich weiß gar nicht, wie ich es erklären soll. Irgendwann habe ich mich selbst für verrückt und psychopathisch gehalten. Es ist ja auch nicht normal. Dann kam wieder die Grundsatzdiskussion: was ist schon normal? Dann bagatellisiert man die Sache wieder stellenweise. Mein Vater war der, der von Anfang an geglaubt hat, dass ich das selber mit mir mache. Es war aber viel zu spät, da ging das mit der Ritzerei schon zehn oder elf Jahre lang. Da habe ich mir wieder gesagt: Jetzt musst du was dagegen machen. In der Therapie in F. bin ich dann in die Abteilung Psychosomatik und Sucht gekommen. Meine Therapeutin, die richtig gut war, hat erzählt, dass irgendwas in meiner Kindheit gewesen sein muss, aber dass ich unbedingt darüber reden müsste. Dann habe ich gemeint, ich weiß nicht was sie meint … ich habe es damals wirklich nicht gewusst. Grundsätzlich hatte ich eine tolle Kindheit und ich konnte mir nicht denken, worauf sie hinaus wollte. Sie hat mich dann gefragt, ob wir es mit Hypnose versuchen könnten. Ich war damit einverstanden, dachte mir aber, dass es bei mir nicht helfen würde. Ein Therapeut dort hat sich auf so etwas spezialisiert, aber ich wollte die Hypnose nur mit mir machen lassen, wenn meine Therapeutin dabei bleibt. Da ist sie dann hellhörig geworden und hat nach dem Grund gefragt. Irgendwann hab ich gesagt: weil er ein Mann ist. Und das war auch wirklich das Problem. Ich habe mit Männern nie Geheimnisse ausgetauscht, oder wirkliche Freundschaften geführt. Deshalb hatte ich auch immer gute Freundinnen auf platonischer Ebene. Dann hat man die Hypnose probiert und es kam wie ich es mir gedacht habe… ich kann mich nicht so fallen lassen. Mir wurde danach der Vorschlag gemacht, es mit einem Sedativum zu versuchen, einem Beruhigungsmittel zur Entspannung. Nach einer zweitägigen Bedenkzeit war ich damit einverstanden, wobei ich immer noch große Angst gehabt habe. Dann hat man die Hypnose wiederholt. Als ich aufgewacht bin, konnte ich mich nur an nichts mehr erinnern. Zwei Tage später habe ich einen Termin mit meiner Therapeutin gehabt, die mir erzählt hat, dass ich während meiner Hypnose von einem sexuellen Missbrauch in der Kindheit berichtet hätte. Ich habe das natürlich gleich bestritten, weil ich mir dachte, dass ich mich an so etwas erinnern müßte. Sie hat mir dann erläutert, dass so etwas bei Kindern stark isoliert im Unterbe- wusstsein abgelegt wird, aber immer wieder unbewusst ans Tageslicht kommt. Eine Woche später ist es mir dann wirklich wieder gekommen. Ich weiß nicht, ob ich geträumt habe oder ob ich wach gewesen bin. Jedenfalls habe ich direkt vor Augen gehabt, dass es im Hallenbad war, wie der Typ ausgeschaut hat, wie alt ich war, wie die Umkleidekabine mit der Nummer 9 ausgesehen hat und lauter solche kleinen Details. Das war der Zeitpunkt, als ich die Therapie abbrechen wollte, weil ich von der ganzen Geschichte nichts mehr wissen wollte. Das war das erste Mal seit Jahren, dass ich geweint habe. Da habe ich fast Tag und Nacht einfach nur weinen müssen. Das hat mich dann selbst genervt, und geschämt habe ich mich auch noch sehr dafür.

Ich habe Zentralheizungs- und Lüftungsbauer gelernt, aber die wenigste Zeit in dem Beruf gearbeitet. Ich habe das damals gemacht, weil ich die Lehrstelle bekommen habe. In der achten Klasse war damals eine Schnupperlehre und mir wurde gleich ein Lehrvertrag angeboten. Ich hatte also bevor ich in die neunte Klasse gekommen bin schon einen Lehrvertrag in der Tasche. Meine Eltern haben dann auch darauf bestanden, dass ich die Lehre durchziehe, was ich auch ohne viel zu überlegen gemacht habe. Dann habe ich sehr sprunghaft gearbeitet. Bin mal hier ein paar Monate gefahren, habe da ein paar Monate gearbeitet. Ich habe auch zwei Jahre in München gewohnt, bis mit meiner Freundin Schluss war. Dann bin ich wieder ins Allgäu gezogen.

Kinder habe ich keine. Ich würde mir zwar Kinder wünschen, aber wenn ich jetzt zurückblicke, bin ich auch recht froh, dass ich keine habe. Die hätten es nicht ganz leicht mit mir gehabt. Vielleicht hätte sich auch etwas verändert, das kann auch sein, aber wenn es schief gelaufen wäre, dann wären die Kinder schlecht dran gewesen.

Wenn ich rauskomme, möchte ich ein trockener, selbstverantwortlicher und optimistisch eingestellter Mensch sein. Mit dem Verzicht auf Alkohol habe ich schon mehr als die halbe Miete im Sack und wenn ich nichts mehr trinke, dann kann ich das was ich will, auch erreichen. Ich hab aber eine riesengroße Angst es nicht zu schaffen. Es gibt hier kaum therapeutische Hilfe. Ich habe zwei, drei Mal mit dem Psychologen hier gesprochen, aber die Möglichkeiten halten sich sehr in Grenzen. Es ist ein Psychologe für 400 Leute da und er kann höchstens ein Mal im Quartal mit mir reden. Deshalb bringt mir der Kontakt mit meiner Therapeutin über den Briefverkehr mehr. Am Anfang wird es für mich kein Weggehen geben wie früher, also Disko zum Beispiel oder Kneipe sowieso nicht. In der Kneipe hab ich mich eigentlich nur wohl gefühlt, wenn ich was getrunken habe. Nüchtern reinhocken und den Leuten am Stammtisch zuhören würde ich glaube ich nicht aushalten. Wenn ich einmal weggehen will, in eine Disko zum Tanzen oder irgendetwas Ähnliches, muss ich eben aufpassen, dass ich die richtigen Leute dabei habe. Das wird schwierig, aber ich glaube, dass mein Leben dadurch wertvoller wird.

Wenn ich eine Bierwerbung sehe, dann läuft mir manchmal noch das Wasser unter der Zunge zusammen. Das kommt noch vor, weil ich das mit gewissen Erinnerungen assoziiere, die einfach schön waren, wie zum Beispiel mit meinem 25. Geburtstag. Wenn ich es irgendwann schaffe, dass ich nüchtern auch gut drauf bin, Spaß haben kann und gut feiern kann, dann kann ich es glaube ich auch schaffen, vom Alkohol ganz wegzukommen.