Ich habe mich hier drinnen vielleicht schon ein wenig verändert, aber irgendwie ins Negative. Gut, ich habe gleich gewusst, dass ich die Strafe antreten muss, habe mich also vorher schon darauf vorbereiten können. Für mich war die Situation hier drinnen auch völlig neu, obwohl ich vor dreißig Jahren schon einmal eine Strafe gehabt habe, aber das ist schon lange her, sodass man keinen direkten Bezug mehr hat. Wenn man dann aber im Nachhinein - nach ein paar Monaten - sieht, wie wenig sich mit den Leuten eigentlich beschäftigt wird, wundert man sich kaum, dass sich bei 80 - 90% nichts verändert. Es ist wirklich größtenteils nur Absitzen… schauen, dass man so gut wie möglich über die Runden kommt und sonst nichts. Der eine schaut, dass er die ganze Zeit mit Tabak versorgt ist, etwas anderes interessiert ihn nicht. Ein anderer, der draußen vielleicht nie Sport gemacht hat, fängt auf einmal an hier täglich Sport zu treiben und über die ganzen Probleme wird nicht gesprochen.

Ich habe zwei Alkoholtherapien hinter mir, habe damals die Hilfe durch Gespräche gesucht und weiß, dass das sehr wichtig ist. Ich kenne aber auch genug Leute, die sagen, dass sie mit der Therapie nicht einverstanden sind, nicht reden wollen. Man kann auch nicht die ganze Zeit darüber sprechen, weil man sonst keinen Abstand zu seinem Problem gewinnen kann, sondern ständig damit konfrontiert ist. Aber es muss etwas gemacht werden.

Ich lese wahnsinnig viel. Spezielle Bücher von Seiten der Psychologie oder Fachbücher über Alkohol und Drogen, um zu erfahren welche Punkte bei mir zutreffen und was ich dagegen tun kann. Die sind von der Bücherei hier. Durch berufliche Schulungen, die ich früher gemacht habe, kenne ich schon einige Bücher über Motivation und deren Autoren. Da tu ich mir schon leichter als manch anderer hier.

Ich bin geborener Münchner und bin mit zwanzig Jahren wegen meiner damaligen Liebe nach Augsburg gezogen. Meine Tochter ist jetzt 22, die kenne ich eigentlich überhaupt nicht, weil meine damalige Frau und ich uns scheiden haben lassen, als sie drei Jahre alt war. Die Mutter hat damals gemeint, es sei besser, keinen Kontakt zu haben. Ich bin auch wegen dem Arbeitsplatz in Augsburg hängen geblieben, als ich fünfzehn Jahre lang denselben Job gemacht habe. Mir ist es eigentlich damals zu gut gegangen und wenn es einem zu gut geht, dann macht man irgendwann einen Fehler. Entweder sucht man sich neben der Frau eine Freundin, weil es nach 10 Jahren Ehe irgendwie langweilig wird oder man driftet in den Alkohol ab. Wenn dann beides zusammenkommt, geht alles kaputt. Ich selber bin daran nicht kaputt gegangen, aber privat lief bei mir alles den Bach runter. Nach oben geht es immer langsam, aber runter fällt man verdammt schnell. Bei mir war dann innerhalb von drei bis vier Jahren alles kaputt, was ich in zwanzig Jahren aufgebaut habe.

Die Haftzeit an sich finde ich nicht besonders tragisch, es macht mir nicht viel aus. Es sind andere Sachen, kleinere Sachen, die mich stören. Zum Beispiel finde ich bei der ständigen Lautstärke hier kaum Ruhe. Die ganze Zeit wird laut gesprochen, zum Teil sogar über Fenster, sodass man im Sommer nicht mal sein Fenster aufmachen kann, ohne dass irgendein Gespräch an einem vorbeizieht. Ich bin es auch nicht gewohnt, auf einem engen Raum mit einem fremden Partner zu wohnen und alles zu teilen. Mich regt es schon auf, wenn der seine Morgentoilette nicht fünf Minuten, sondern eine halbe Stunde lang macht. Ja, solche kleinen Sachen eben.

Ich bin hier im Gefängnis am Schlusspunkt der Spirale nach unten angekommen. Denn jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich wirklich mein Problem mit dem Alkohol realisiere. Ich habe ja nie Probleme gehabt, was Entzugserscheinungen angeht oder ähnliches, aber ich bin jetzt seit zwanzig oder dreißig Jahren nie eine so lange Zeit ohne Alkohol gewesen. Und jetzt beginnt eben die Verarbeitung… man fragt sich, wieso man gewisse Sachen gemacht hat, ob es wirklich nötig gewesen ist.

Die erste Zeit war ich euphorisch und optimistisch, dachte: gut es wird dir ja geholfen… Aber momentan ist es so, dass ich sagen würde: es wird dir solange geholfen, bis sie alles über dich wissen und danach gar nicht mehr. Das betrifft jetzt die ganzen Sozialarbeiter.

Als ich durch die Gitterstäbe den Sonnenuntergang gesehen habe, hat mich diese Atmosphäre so beruhigt und so tief durchatmen lassen, dass ich ihn unbedingt fotografieren wollte. Ein anderes Mal saßen wir am Tisch und spielten Karten, als die Sonne unsere Schatten an die Wand warf. Das war ein grandioses Bild, weil wir uns genau so gefühlt haben… nämlich als Schattenleute.