Ich leide an Epilepsie, schon seit der Kindheit und für mich ist es ganz schwierig eine Arbeit zu finden. Ich habe zwar einen Führerschein gemacht, den haben sie mir dann wieder weggenommen, weil sie gesehen haben, der leidet unter Epilepsie, den kann man nicht fahren lassen mit dem Auto.
Ich konnte dann keine Arbeit finden, denn überall wo ich drauf geschrieben habe, dass ich Epilepsie habe, habe ich eine Absage bekommen. Mein Traumberuf war Kaufmann im Einzelhandel. Ich hatte einmal ein Einstellungsgespräch, aber der Chef hat gesagt: wir können dich leider nicht einstellen, denn wenn da was passiert, im Geschäft, da verjagst du ja die ganze Kundschaft. Da machen wir mit dir bloß Verluste statt Gewinn.
Früher hab ich mal bei einer Spedition gearbeitet, bin LKW gefahren, das war bei einem Paketdienst, aber das hat nicht geklappt, weil ich gespürt habe, ich kann nicht mehr, ich bin ganz kaputt.

Ich hätte meine Eltern und meine Verwandten um Hilfe bitten sollen, aber das hab ich nicht gemacht, ich hab es selber versucht. Das Arbeitsamt hat auch noch den Hahn zugedreht, weil ich selber gekündigt habe bei der Firma. Da hab ich das mit den Katalogen angefangen.

Ich habe damals eine Bewährung bekommen, auch wegen der Kataloge. Da war auch Nötigung dabei, beim Autofahren wollte mich einer nicht vorbei lassen. Da hab ich mit der Lichthupe gedrängelt und die Polizei stand daneben. Damals hab ich insgesamt zwei Jahre auf Bewährung bekommen. Jetzt noch mal neun Monate.

Ich bin 1987 aus Kasachstan direkt nach A. gekommen. Meine Eltern haben dann auf Kredit ein Haus gekauft. Meine Mutter hat Arbeit, mein Vater ist leider seit zwei Jahren arbeitslos. Seine Firma hat dicht gemacht. Für mich ist das auch gut, er kümmert sich jetzt auch um meine Kinder. Die sind zwar bei meiner Frau, aber er hilft ihr.
Meine Frau ist aus Deutschland. Es gibt zwar bei manchen Russen die Tradition nur Russen zu heiraten, aber nicht bei uns. Ich habe meine Frau gefunden, ich lieb sie auch und es ist wunderbar, dass sie zu mir steht und mich nicht verlässt.

Meine Oma hat deutsch gesprochen, ich fühle mich auch als Deutscher. Ich schäme mich manchmal, ein Russe zu sein, bei dem, was die Russen hier alles so machen.

Ich habe Kataloge aus Briefkästen geklaut und dann auf falschen Namen bestellt. Ich hab gewusst was beliebt ist: TFT Monitore, Navigationssysteme für Autos und so weiter. Die Sachen hab ich dann weiterverkauft. Der Gesamtwert war so 3500 Euro. Davon hab ich meine Schulden bezahlt, die Miete etc. Meine Frau hat auch Schwierigkeiten mit der Arbeitsstelle, sie hat eine Hüftoperation an beiden Beinen, sie hat keine Ausbildung wegen der frühen Schwangerschaft. Mit 18 ist meine Frau zum ersten mal schwanger geworden. Jetzt bin ich fünfundzwanzig und hab schon drei Kinder. Die sind drei, fünf und sechs Jahre alt, der Älteste kommt jetzt in die Schule. Das ist sehr traurig, ich sitze hier, bin nicht bei meinen Kindern. Die fragen jedes Mal, ja Papa, wann kommst du nach Hause? Die besuchen mich regelmäßig, jeden Monat. Jeden zweiten Tag bekomm ich einen Brief. Ich will das alles wieder gutmachen, aber es ist zu spät.

Es ist auch gut, dass sie mich verhaftet haben, so habe ich aus meiner Situation was gelernt: warum hab ich nicht meine Eltern um Hilfe gefragt? Aber ich hab mich nicht getraut, ich wollte alles selber in den Griff kriegen. Ich wollte, dass mein Vater und meine Mutter stolz auf mich sind. Aber ich hab alles nur noch schlimmer gemacht. Ich war der jüngste, war schon immer ihr Sorgenkind, wegen der Krankheit. Früher hatte ich auch schon mal bis zu 30 Anfälle im Monat. Dann war ich in einer Klinik in B., nehm seitdem Tabletten und es ist besser. Im Gefängnis hatte ich bis jetzt drei Anfälle.

Ich bin froh, dass sie mich verhaftet haben. Durch die 5 Monate Haft hab ich begriffen, was ich gemacht habe, ich hätte meine Frau, meine Kinder verlieren können. Ich hab begriffen was das Leben überhaupt wert ist. Was eine freie Minute draußen überhaupt bedeutet. Vor ich verhaftet wurde, hatte ich eine Arbeitsstelle als Briefzusteller, mit dem Fahrrad, da kann ich vielleicht wieder anfangen. Meine Frau versucht, die Stelle für mich zu halten. Auf dem normalen Arbeitsmarkt habe ich keine Chance. Hier drinnen habí ich auch keine Arbeit. Die wollen mir nichts geben, weil die Angst haben, dass was passiert wegen meiner Krankheit. In der Küche könntí ich mich bei einem Anfall mit einem Messer selber verletzen. Wenn ich halt Arbeit hier hätte, wäre mein Kopf abgelenkt. Das Schwierigste ist, dass ich meine Kinder und meine Frau nicht sehen kann. Und dass ich den Mist, den ich gemacht habe, nicht mehr ändern kann. Ich denk nicht an Selbstmord, ich denk dann an meine Kinder. Ich denk, was die jetzt gerade tun. Die denken ja ich arbeite hier. Die wissen von nichts.
Angst habe ich, die Wohnung zu verlieren. Meine Frau bekommt Arbeitslosenhilfe, aber nächstes Jahr weiß ich nicht, wie es weitergehen soll.
Vor den anderen Häftlingen zieh' ich mich zurück, schau Fernsehen, schreib Briefe. Ich hab hier keine Freunde und will auch keine mit hinausnehmen. Auf der Zelle sind wir zu zweit, das klappt gut. Russlanddeutsche meide ich, die haben oft mit Drogen und so zu tun. Ich sitzí hier zwischen allen Stühlen.