Am Anfang als ich hierher gekommen bin, ist es ganz lustig gewesen. Ich habe mich viel mehr mit den Leuten hier abgegeben. Man ist neu, man will wissen, wer warum hier drinnen ist. Aber irgendwann wird man dann verurteilt, hat mit dem Urteil zu kämpfen, und zieht sich immer mehr zurück. Man interessiert sich nicht mehr für die anderen und verbringt die Zeit auf der Zelle.
Das ist nicht meine Erststrafe. Ich bin in der Schweiz schon ein paar Jahre im Knast gewesen. Auch wegen Drogen, Förderung zur Prostitution, Hehlerei, also alles was verboten ist.

Ich bin eigentlich aus einem sehr guten Haus. Mein Großvater und meine Großmutter haben mich aufgezogen. Meine Mutter war bei meiner Geburt 17 Jahre alt. Ich bin in der Schweiz auf die Welt gekommen, dann in ein Heim für junge Mütter gekommen. Mein Vater war ein italienischer Hilfsarbeiter aus Sizilien und hat bei meinem Großvater in der Firma gearbeitet. Meine Mutter wurde schwanger, die beiden wollten nicht heiraten und er ist dann wieder nach Italien gegangen. Dann bin ich die ersten paar Jahre bei meinen Großeltern aufgewachsen. 1978 ist mein Großvater als Ingenieur in den Irak nach Bagdad gegangen und wir sind zwei Jahre später nachgekommen, meine Großmutter und ich. Dort bin ich drei Jahre auf die Schule gegangen und habe alles sehr nah mitbekommen, also den Krieg zum Beispiel, und Drogen waren auch ziemlich nah. Mit elf bin ich dann wieder in die Schweiz zurückgekommen, wurde in die vierte Klasse eingeschult. In der fünften Klasse habe ich angefangen zu rauchen, in der sechsten Klasse zu kiffen und später kam dann LSD und die ganze Palette, die man sich so vorstellen kann.

Wir sind dann nach G. umgezogen weil wir dachten, dass es da besser sein würde. Ich bin dann in die Oberstufe gekommen und dort hat das Elend eigentlich richtig angefangen. Auf dem Pausenplatz habe ich irgendwann angefangen, Haschisch zu verkaufen und habe auch immer mehr Geld gehabt als die anderen Schüler, weil meine Mutter immer sehr wenig Zeit für mich hatte und mir deshalb immer viel Geld gab. Es war auch sehr selten jemand bei mir zuhause und über Mittag sind wir dann zu mir zum kiffen gegangen, haben LSD geschmissen, später auch in der Schule, also wirklich massiv… Wenn ich so zurückdenke, war die Zeit zwar lustig, aber sehr gefährlich, weil man gar-nicht gemerkt hat, was das ganze Zeug mit einem macht. In der Schule gab es dann einen oder zwei, die schon sehr früh angefangen haben, Heroin zu rauchen, also mit vierzehn oder fünfzehn. Die waren in der Schule dann immer müde und nicht bei der Sache. Andere Schulkollegen aus England haben in den Ferien Ecstasypillen mitgebracht, da sie über die Ferien immer nach England gefahren sind. Das gab es ja damals noch nicht so bei uns in der Schweiz. Die haben das Zeug dann rübergebracht und wir haben es dann auch konsumiert, mit vierzehn. Und dann wurde es immer stärker. Irgendwann muss man sich überlegen: wie komme ich an die Kohle ran? Ich konnte schon immer ganz gut verkaufen und dann ging das mit dem Drogenhandeln eben los.

Mit 17 bin ich dann das erste Mal in ein Jugendheim gekommen. Das war wegen Heroinhandel und Autofahren ohne Führerschein. Die Polizei hat mich zwar nie beim Fahren oder Handeln erwischt, aber sie konnten es mir nachweisen. Als ich damals Heroin verkauft habe, dachte ich mir: ich bin schlau, wohne in T. bei meiner Tante, weit weg von G. und geh nur in der Nacht, wenn meine Tante schläft, zu ihrem Wagen, fahre runter und verkaufe das Zeug. Die haben mich zwar nie erwischt, dafür aber einen anderen, der dann gepetzt hat. Irgendwann sind sie dann zu mir gekommen, überfallkommandomäßig, um sieben in der Früh. Meine Tante hatte ja keine Ahnung davon gehabt Dann habe ich 30 Tage Gefängnis bekommen. Später sind die Behörden zu mir gekommen und haben gesagt: Herr K., so geht das nicht weiter, dann bin ich in ein geschlossenes Heim für Schwererziehbare gekommen. Dort war ich dann für neun Monate und bin mit 18 wieder raus gekommen, habe das alles dann mehr oder weniger abgeschlossen, bin danach wieder zurück zu meiner Großmutter gefahren und am selben Abend ging es dann schon wieder los… also nichts gelernt in der Zeit. 1991/92 habe ich dann Leute aus der Szene, also aus der oberen Schicht der Drogenbarone kennen gelernt und die haben gleich gesehen, dass ich gut Verkaufen kann, dass ich das irgendwie im Blut habe. Und das war eigentlich der Zeitpunkt, wo sie mir viele Drogen zum Verkaufen gegeben haben. Damals habe ich Umsätze gemacht … die waren jenseits von Gut und Böse. Von dem Geld habe ich mir auch viel geleistet. Ich habe meine Frauen, meine Salons und meine Spielautomaten gehabt.

Ich hab schon mal nebenbei eine Lehre als Elektromonteur gemacht. Dann hatte ich aber einen Unfall und konnte die Lehre nicht weiter machen, weil ich eine Allergie bekommen habe. Meine Mutter hat dann gesagt: lerne Koch, damit du wenigstens was hast. Also habe ich eine Lehre als Koch angefangen und die dann drei Jahre lang gemacht, bis 19. Da ich aber sehr oft gefehlt habe und in den Ruhepausen Drogen verkauft habe, konnte ich sie nie richtig abschließen.

Irgendwann ist die Organisation von uns immer größer geworden. Man hat immer intensiver gearbeitet und nicht mehr in der Schweiz, sondern im Ausland eingekauft … und zwar massiv. Früher ging das noch ganz gut. Wir haben das Zeug dann verscheuert und irgendwann 1994 sind die Bullen wieder angekommen und haben mich für 100 Tage in Sicherheitshaft gebracht. Dann haben sie mir mehrere Gramm Drogen und andere Delikte nachweisen können: Zuhälterei, Förderung zur Prostitution, Hehlerei, Fahren ohne Führerschein, schwere Körperverletzung, Drogen in fast 20 Fällen… also ziemlich viel. Dann hieß es Knast, keine Diskussion mehr. 40 Leute wurden von uns insgesamt festgenommen. Ich war der zweitletzte, der gefasst wurde, weil sie mich nicht gefunden haben. Sie haben nicht gewusst, wer ich bin, da ich einen falschen Namen hatte und es wusste überhaupt niemand, wie ich richtig heiße. Also konnte ich mich erstmal richtig austoben. Ich habe aber nichts auf die Seite gelegt und das einzige, was blieb, waren die Autos und die Wohnung samt Einrichtung. Das wurde mir aber später alles genommen.

An Weihnachten 1995 bin ich raus gegangen, habe gesagt, dass ich Zigaretten kaufen gehe und bin nicht mehr zurückgekommen. Dann bin ich abgehauen, war auf der Flucht und bin zu meiner Mutter nachhause gegangen. Dort haben wir zusammen Neujahr gefeiert und die Polizei ist, warum auch immer, nicht vorbeigekommen. Irgendwann habe ich dann die Behörden angerufen und gefragt, was mit mir passiert und was ich tun kann. Die haben dann nur gemeint, ich muss unbedingt wieder in die Psychiatrie gehen und mich eingliedern. Danach habe ich einen neuen Therapieplatz bekommen, der jedoch sehr kirchlich angehaucht war, was mir überhaupt nicht liegt und dann habe ich gesagt, dass ich das nicht will und bin zurück in die Klinik.

Erstaunlicherweise bin ich während der Zeit im Therapiezentrum sehr selten rückfällig geworden. Insgesamt hatte ich zweimal einen Absturz, einmal mit Alkohol und einmal mit Haschisch. Ich musste auch nie in den Bunker und habe mich richtig gut geführt. Ich habe dort auch in der Woche zweimal ein Therapieeinzelgespräch gehabt und konnte mein ganzes Zeug ein bisschen aufarbeiten, zum Beispiel meine Sicht zu Frauen, die sehr destruktiv war. Für mich waren früher Frauen nur eine Arbeitsbeschaffung, also etwas, was Arbeit und Geld bringt. Das haben wir dann ein bisschen umgekrempelt. Dann bin ich entlassen worden, bin zu meiner Mutter nachhause mit meinen ganzen Sachen, habe sie dort abgestellt und bin direkt weitergefahren nach Z…. und dann ging die ganze Geschichte wieder von vorne los, nur eine Stufe schlimmer. Ich bin wieder in die alten Lokale gegangen und habe Leute von früher getroffen…

2000 habe ich meine erste Tochter bekommen und das ist eigentlich auch der Grund gewesen, warum ich aufgehört habe mit den Drogen und von da an nur noch Aktien verkauft habe. Und ich habe gemerkt, dass ich mehr Geld mit den Papieren verdiene, als mit Drogen und das auch noch auf legalem Weg. Am Anfang habe ich schon noch beides parallel gemacht, aber meine Freundin hat mich dann immer stärker dazu bewegt, den Drogenhandel sein zu lassen, als die Kleine auf der Welt war.