Am Wochenende ist es hier sehr langweilig. Früher hat man sich am Freitag gefreut, aber hier denkt man sich nur: Scheiße, Wochenende. Nur bis fünf Uhr Aufschluss, sonst geht man arbeiten, kann abends trainieren und hat bis neun Uhr Aufschluss. Als Zeitvertreib trainiere ich mit Wassereimern. Wenn man um fünf Uhr zusperrt, trainiere ich noch zwei Stunden auf der Zelle. Gelegentlich mache ich auch noch ein bisschen Yoga und um 20.15 kommen dann schon Filme im Fernsehen.

Ich bin jetzt auf einer Einzelzelle. Zuerst war ich in einer Zweimannzelle. Das ist üblich, weil man ja nicht weiß, ob einer selbstmordgefährdet ist oder nicht. Viele verkraften das ja nicht hier. Anfangs teilt man sich also eine Zelle mit jemandem und später kann man zur Ärztin gehen und eine Einzelzelle beantragen, wenn sie sich sicher sind, dass man sich nichts antut. Sobald man eine Arbeit hat, bekommt man die Einzelzelle ziemlich schnell.

Ich bin mit 15 Jahren mal gesessen. Das war auch wegen Körperverletzung. Damals habe ich Sozialstunden im Altersheim machen müssen. Dann habe ich die absolviert, bin nur am letzten Tag nicht hingegangen und musste die 100 Stunden von vorne machen. Ich habe 100 Stunden abgeleistet und am letzten Tag war ich unentschuldigt. Hatte keine Lust gehabt, habe verschlafen und am Vortag ein bisschen getrunken. Und dann gab es die 100 Stunden von Anfang an in derselben Stelle. Dann habe ich eine Woche Jugendarrest bekommen und musste die 100 Stunden eben noch einmal machen. Dort habe ich am Anfang die Gänge gewischt und wenn ich manchmal früher fertig war, bin ich mit ein paar alten Leuten, die keine Angehörigen haben, durch den Park spazieren gegangen. Die hat es immer gefreut, weil sie ja keinen gehabt haben.

Die Körperverletzung jetzt ist vor einer Diskothek passiert. Da haben ein paar Albaner einen Bekannten von mir, der körperlich leicht zurückgeblieben ist, gehänselt. Ich wollte eigentlich schon gehen, habe aber im Vorbeigehen noch zu ihnen gesagt: Lasst ihn in Ruhe, ihr Penner. Auf einmal habe ich einen Schlag auf den Kopf bekommen, bin umgefallen, aufgestanden und total durchgedreht. Der erste, den ich erwischt habe, hatte einen Kieferbruch es war nur ein Schlag, aber ich habe ihn halt so getroffen. Der musste dann ins Militärkrankenhaus nach Ulm und hatte sechs Monate lang eine Schiene. Es war egal, ob ich jetzt Schuld war, oder nicht. Die haben mich zwar auch geschlagen, aber der andere hatte eine größere Verletzung abbekommen.

Der Typ, mit dem die Schlägerei war, hockt mit mir hier zusammen. Der mit dem gebrochenen Kiefer und seine zwei Cousins, die damals dabei waren und die Anzeige erstattet haben, hocken auch hier. Ich habe gleich einen Zettel mitgenommen und hier gezeigt, dass er mich angezeigt hat. Hier will keiner etwas mit ihm zu tun haben und ich gehe ihm auch aus dem Weg, genauso wie er mir. Ich habe keine Lust, jetzt hier wegen einer alten Sache, für die ich schon bestraft wurde, noch einmal etwas draufzubekommen.
Ich hatte immer Ärger, wenn ich nachts weggegangen bin und was getrunken habe. Das hat meine Mutter auch immer gesagt und sie hat schon Recht gehabt. Früher habe ich immer gedacht: scheiß drauf, was die Eltern reden, aber wenn ich überlege, wann ich den ganzen Stress immer gehabt habe, dann war das entweder Freitag oder Samstag, immer zwischen Mitternacht und vier oder fünf Uhr in der Früh. Das waren oft wirklich nur Lächerlichkeiten, bei denen man am nächsten Tag im nüchternen Zustand nur den Kopf geschüttelt hätte. Aber wenn man was getrunken hat und sich nichts gefallen lassen wollte, dann ist man halt vor die Tür gegangen.

Meine Mutter war schon sehr enttäuscht. Sie hat gleich gesagt, dass ich hier rein komme. Als das Urteil bekannt wurde, habe ich ihr schon gesagt, dass ich für ein Jahr hier rein muss, aber als sie mich das erste Mal besucht hat, hat sie gleich angefangen zu weinen da sind mir auch gleich die Tränen gekommen und ich dachte mir: nie wieder hier rein. Nicht nur wegen mir selbst, sondern vor allem auch wegen meinen Eltern. Ich habe noch regelmäßig Kontakt zu ihnen. Sie stehen hinter mir. Mein Sohn wird jetzt drei im September und wohnt bei meiner Mutter. Der hat mich auch schon besucht hier und glaubt, dass ich in der Armee für ihn Geld verdiene. Wenn ich dann alle zwei bis drei Wochen Urlaub habe, besuche ich ihn und er freut sich immer riesig, wenn wir uns sehen. Ich bringe ihm auch immer was mit und er glaubt dann, dass ich ihm von der Armee was mitbringe.
Wenn ich rauskomme, geh ich zu meinem Bruder. Der hat eine Export- Import Firma und will mir eine Chance geben, weil ich mit Menschen gut umgehen und gut verkaufen kann. Ich bekomme dann auch eine finanzielle Unterstützung und das will ich dann auch auf jeden Fall nutzen. Das mit den Drogen ist eigentlich eine blöde Sache. Ich war früher sehr sportlich und habe erst mit 18 oder 19 angefangen zu rauchen. Davor habe ich weder getrunken noch geraucht oder gar gekifft. Mit 18 habe ich dann angefangen abends ein bisschen zu trinken, beim weggehen zwei Mohren oder so. Ein Jahr später waren es dann zwei bis sechs Mohren und dazu ein paar Schnäpse. Durch meinen Beruf habe ich damals ziemlich viel Geld gehabt, dass ich mir das auch leisten konnte. Ich habe Konstruktionsmechaniker und Kunstschmied gelernt. Das ist eigentlich das einzige, was ich erfolgreich abgeschlossen habe. Ich bin dann einmal nach Marokko gefahren, um Urlaub zu machen. Dort habe ich ein Mädchen kennen gelernt. Sie war Moslem und war ganz anders als die anderen Mädchen hier. Da ich auch Moslem bin, war sie richtig froh und wir kamen ganz gut ins Gespräch, bis ich einmal in einer Bar ein Bier bestellte und sie wissen wollte, was das sei. Als ich es ihr gesagt habe, war sie total sauer, hat gemeint Alkohol sei eine Sünde und ich dürfe das nicht trinken. Sie war also ganz anders eingestellt. Ich wollte eine Beziehung mit ihr eingehen, aber sie hat gemeint, es würde noch nicht gehen, weil sie bis zur Heirat Jungfrau bleiben wolle. Wir haben dann geheiratet und alles hat gepasst. Als sie dann hergekommen ist, hat sie gesagt, sie sei schwanger. Darauf war ich überhaupt nicht eingestellt, es ist mir einfach zu viel geworden. Ich wusste, dass ich dann weniger mit Freunden weggehen kann, mich um die Familie kümmern und die ganze Verantwortung tragen muss. Arbeiten war für mich nicht das Problem, weil ich immer gearbeitet habe, also wirklich von Montag bis Freitag, egal ob ich auf Partys war oder nicht. Ich war auf die Situation gar nicht vorbereitet und wollte einfach nicht. Meine Mutter hat dann gemeint: du kannst das schwangere Mädchen doch nicht einfach so sitzen lassen. Sie ist dann hergekommen und wir haben uns schon gar nicht mehr verstanden, wir haben uns gestritten und uns auseinander gelebt. Sie wollte dann nicht mehr arbeiten und alles von mir holen. Vom Gericht habe ich dann monatlich 930 Euro Unterhaltszahlung bekommen. Dort habe ich angegeben, dass ich 1500 Euro Gehalt bekomme und war richtig sauer über die Summe, die man mir nach der Düsseldorfer Tabelle ausgerechnet hat. Mir wären unter dem Strich dann nur 200 Euro geblieben. Dann habe ich zu meinen Eltern gesagt, dass ich Drogen verkaufen werde. Ich habe das eigentlich nur aus Wut gesagt, nur aus Trotz. Meine Mutter ist dann total ausgeflippt, hat gesagt, dass ich aufhören soll, so was zu sagen. Dann bin ich so langsam reingerutscht, habe verkauft. Mich hat man persönlich nicht erwischt, aber jemand anders hat ausgesagt. Im Nachhinein bin ich wirklich froh, dass ich dieses Jahr im Knast bin. Früher habe ich nur Partys gemacht, aber hier hatte ich ein bisschen Zeit über alles nachzudenken.

Ich bin zu streng erzogen worden. Mein Vater hat es schon gut mit mir gemeint, aber ich bin mit zwölf Jahren in ein Internat gekommen und bin auf eine Koranschule gegangen, das war schon übertrieben. Ich war der Jüngste und die anderen waren schon 17 oder 18. Wenn man da zu spät gekommen ist, hat man beispielsweise nichts zum Essen bekommen, es war also sehr streng. Von Montag bis Freitag war normale Schule und Freitagnachmittag bin ich dann bis Sonntag in die Koranschule in Ulm gegangen.