Ich montiere hier Lampen, 420 Stück am Tag. Es ist zwar nicht besonders interessant und es ist eine Arbeit die jeder machen kann, aber immer noch besser als acht Stunden am Tag in der Zelle zu hocken. Man kann reden, hat Kontakt zu anderen und einen größeren Freiraum.

Ich habe mit Leuten zu tun gehabt, die gedealt haben. Die haben mir eine größere Menge an Amphetaminen zum Aufbewahren gegeben. Ich hab damals nicht viel darüber nachgedacht, habe auch was zum Rauchen dafür bekommen und mir gedacht: das geht schon ein paar Tage lang gut. Nur sind sie von der Polizei in der Zeit observiert worden und haben mich mit hineingezogen. Dadurch habe ich eben 1,9 kg Amphetamine bei mir zuhause gehabt. Ein Wirkstoff von 2,4 und 2,6 % ist eigentlich gar nichts, aber insgesamt waren es dann doch ca. 30 Gramm.

Ich habe schon 15 Vorstrafen insgesamt. Handydiebstahl, mal ein Fahrrad geklaut oder mit einer Kleinigkeit Gras erwischt worden. Da hat der Richter jetzt eben gesagt, dass es keine Bewährung mehr gibt. Jetzt kommt wieder eine Verhandlung wegen 65 Euro Computerbetrug. Mir hat meine ehemalige Mitbewohnerin ihre Geldkarte gegeben… und ich habe damit abgehoben. Sie widerruft jetzt, mir das erlaubt zu haben und behauptet, dass ich ihr die Karte geklaut hätte.

Meine Eltern haben mich damals auch in die Scheiße reingeritten. Ich habe einmal Hanfpflanzen hinter dem Bahnhof gefunden und davon sechs Stück mitgenommen. Daheim wollte ich die großziehen. Als meine Mutter das mitbekommen hat, hat sie gleich die Polizei gerufen.

Ich wollte frei sein von dem ganzen Arbeitszwang, einfach frei sein und das tun was ich will. Skateboard fahren, Musik hören, auf Partys gehen und einfach mein eigener Herr sein über die ganzen Sachen, mir von niemandem reinreden lassen, von meinen Eltern nicht, von meinen Lehrern nicht, das war der größte Fehler den ich gemacht habe.

Ich war unterfordert damals in der Schule, komplett unterfordert. Die Schule ist für mich das Langweiligste, was es auf der Welt gibt. Ich bin zwar nicht mit Bruchrechnen klargekommen, aber alles andere…

Mein Vater hat nie mit mir geredet. Er ist ein Vater gewesen, der zwar immer daheim, aber nie für mich da war. Wir hatten irgendwie nie eine richtige Beziehung.

Meine Eltern trinken viel Alkohol, das heißt… sie haben immer gesagt, sie hätten es sich nach der Arbeit verdient, Alkohol zu trinken. So an die sechs Bier jeden Abend, oder mal eine Flasche Wein dazu oder einen Chantré. Und ich habe das gehasst früher und habe dann gemeint, das mit dem Kiffen sei besser, natürlicher. Am Schluss hat es bei mir dann so geendet, dass ich es selber normal fand und dann in der Beziehung mit meiner Exfreundin vieles kaputt gemacht habe.

Ich denke, mir bringt die Haft einiges. Bevor ich hier rein gekommen bin, habe ich ein Leben geführt, das eigentlich daraus bestand, den ganzen Tag zu schlafen… Ich bin dann immer so abends um sechs oder sieben Uhr aufgestanden und habe die komplette Nacht Fetz gemacht oder die ganze Zeit vor dem PC verbracht, mit Nichtstun. Das hier bringt jetzt eine Regelmäßigkeit in mein Leben, mal den Tag wieder zu erleben und nicht immer nur die Nacht.

Ich habe sehr Angst gehabt vor der Haft, bevor ich hier rein gekommen bin. Ich habe gedacht: Das ist der Horror, da werde ich nur noch verhauen, da geht alles drunter und drüber… ist aber zum Glück nicht so gewesen.

Ich habe hier einen sehr guten Freund. Ansonsten bin ich eher zurückhaltend, ich verstehe mich mit vielen zwar sehr gut, aber über persönliche Sachen rede ich nur mit einer Person … und die ist auch noch so alt wie mein Vater.

Ich denke mal, was hier fehlt, ist eine Ausbildungsmöglichkeit. Leute, die draußen keine Möglichkeit hatten, was zu machen, sollten vielleicht die Chance bekommen, hier eine Ausbildung zu machen, damit man draußen ein neues Trittbrett hat. Die meisten Leute sitzen hier drin … sitzen ihre Strafe ab, kommen raus und alles fängt von Vorne an. Dann sind sie zwei Monate später wieder hier drinnen. Es geht bei manchen Leuten schon zehn oder fünfzehn Jahre lang so. Immer weiter.

Ich habe seitdem ich hier beispielsweise in Kempten bin, nur Drecksjobs gemacht und ich kann mir nicht vorstellen, so etwas mein Leben lang zu machen. Ich habe in der Nordsee gearbeitet, im Allgäuforum, als es aufgemacht hat und dort Teller gespült. Das habe ich fünf Monate lang durchgehalten. Verdient habe ich dort 6,49 Euro in der Stunde und im Monat waren das dann ungefähr 800 - 900 Euro, also nicht besonders viel. Das war sehr happig.

Es ist schwer etwas Normales zu finden. Ich hab es gemerkt, als ich Bewährung bekommen habe. Man geht raus, bewirbt sich und wird gefragt: Sind sie schon vorbestraft? Dann sagt man ganz ehrlich: Ja, ich bin vorbestraft und bekommt die Antwort: Wir überlegen es uns noch, wir melden uns. Und man hört nie wieder von ihnen. Also muss man ein bisschen lügen und sagen: Ich bin nicht vorbestraft. Aber wenn der Chef es will, kann er ein polizeiliches Führungszeugnis anfordern. Dann hockt man natürlich dumm da, das kann ein Kündigungsgrund im Nachhinein sein. Also mit Vorstrafen ist man schon gesegnet fürs Leben.

Mein Vater hat mir einmal in seiner Firma einen Job besorgt. Ich habe damals dreieinhalb Tausend Mark auf der Kalle gehabt und nichts Besseres zu tun gehabt, als alles für Drogen rauszuschmeißen und nicht mehr zur Arbeit zu gehen. Da habe ich meinen Vater ziemlich enttäuscht. Ich war damals 18, hatte meine erste Wohnung gehabt und das ganze Geld verprasselt. Am Schluss hat die Bank die Miete übernommen, ich hab einen riesigen Dispo bekommen und jetzt hocke ich immer noch auf den Schulden. Ist nicht so angenehm alles.

Mir hat einmal einer gesagt, dass ich mir immer selber eine Kugel ins Knie schieße. Das ist das, was ich in meiner Erziehung erlebt habe, ich kenne es nicht anders. Deshalb wäre eine Drogentherapie für mich vielleicht auch hilfreich, um da vielleicht etwas zu ändern. Ich habe auch ein sehr negatives Denken. Sollte irgendwo ein Problem auftauchen, ziehe ich mich lieber zurück, anstatt dass ich versuche, es zu bewältigen und mache mir einen riesen Kopf daraus.

Durch die Haft habe ich viel Zeit, über mein Leben nachzudenken. Ich bin durch meine eigene Blödheit hierher gekommen. Sonst hätte ich mich nicht ins Auto gesetzt und wäre besoffen gefahren, sondern hätte darüber nachgedacht. Das ist mir eine Lehre.

Ich habe durch das Kiffen in meiner eigenen Welt gelebt. Ich habe mich mit etwas zum Rauchen in die Bude reingehockt und Tür und Fenster zugemacht, den Fernseher und Musik eingeschaltet und keinen mehr an mich rangelassen. Später auch mit Alkohol. Wenn es nichts zum Kiffen gab, hat man eben was zum Trinken geholt. So habe ich angefangen, mich in eine andere Welt zu bringen. Walkman auf, auf einen Berg hochsteigen, entspannen und einfach nur Ruhe haben wollen, sich von der Welt abgrenzen. Das war dann aber nicht mehr so wie früher, das Frei sein, das Tanzen in der Disco oder Spaß haben. Das war es am Schluss nicht mehr. Genau das Gegenteil eigentlich… Nachdenklich und depressiv in der Wohnung sitzen. Und dann vergehen die Tage und nach einer Woche hockt man da und fragt sich: was hast du die ganze Woche über gemacht? - Gar nichts, du bist im Bett gelegen, hast gegessen und bist auf die Toilette gegangen, das war's. Ich habe nichts mehr auf die Reihe gebracht. Zwei Tage gearbeitet … was hat man davon? - Gar nichts. Das Geld reicht noch, also lebt man heute in den Tag hinein. Am Schluss kommt die Konsequenz. Wohnung weg und dies und das weg.

Ich habe immer den Kontakt zu den falschen Leuten gesucht, das war mein Problem. Ich hatte damals einen guten Freund, der nichts mit Drogen zu tun hatte. Er hat nicht einmal Zigaretten geraucht, gar nichts. Den habe ich dadurch verloren, dass ich Kontakt zu Leuten aufgebaut habe, die regelmäßig Marihuana geraucht und Alkohol getrunken haben. Seitdem habe ich nur noch Kontakt zu solchen Leuten gehabt und nicht mehr zu anderen, die mit beiden Füßen im Leben gestanden sind. Ich war damals mit ihm zusammen in zwei Sportvereinen, einmal Taekwondo und einmal Leichtathletik. Dann habe ich angefangen darüber zu erzählen, wie toll doch das Kiffen ist und er hat über die Sportart geredet oder über die Schule. Er hat sich mit chemischen Experimenten beschäftigt oder sich vor den Computer gehockt und ich habe gekifft und bin in der Stadt rumgehangen. Das hat dann irgendwann nicht mehr zusammengepasst. Ich habe in einer ganz anderen Welt gelebt als er. Er war irgendwo der liebe Bubi, der was aus sich gemacht hat, und ich war anfangs der coole Junge … Jetzt sehe ich das aus einer anderen Sicht: Alle haben eine richtige Wohnung, sind verheiratet, haben ein Auto und ihre Ausbildung schon lange hinter sich, haben Geld und ich hocke immer noch genauso da wie damals mit vierzehn oder fünfzehn.

Ich habe mittlerweile drei Freunde durch Heroin verloren. Einmal habe ich es selber geraucht, habe aber keinen Gefallen daran gefunden. Irgendwo habe ich da auch innerlich eine Grenze gehabt, die ich damals zwar überschritten habe, aber nie wieder antreten werde. Es ist für mich der größte Scheiß, genauso wie Kokain. Ich habe miterlebt, wie die Leute komplett kaputtgegangen sind. Ein Kollege, 28 Jahre alt, hat einen Vater, der ein hohes Tier bei der Zollfahndung ist. Der Junge ist damals bei mir angekommen und hat mich um 50 Pfennige angebettelt. Er hockt daheim und ballert sich das Zeug in die Venen -Koks und Heroin - und das mit 28, so will ich nicht enden ehrlich gesagt. Das ist für mich kein Leben mehr.

Ich habe damals die Erfahrung gemacht … Als ich mit den Amphetaminen erwischt worden bin, hat mein bester Kumpel bei mir gewohnt. Zwei Tage später hat er sich vor den Zug geworfen, mit 18 Jahren. Er war heroinabhängig, hat dann eine zeitlang aufgehört, eigentlich alles gut geschafft und ist dann bei mir gewesen. Er war vorher wegen Drogen im Knast und ist auf Bewährung wieder raus gekommen. Mit der Geschichte mit den Amphetaminen hätte man die Strafe, also die Bewährung, widerrufen und er wäre wieder ins Gefängnis gekommen. In den zwei Tagen darauf hat er wieder angefangen Heroin zu nehmen und hat sich dann vor den Zug geworfen, weil er das alles nicht verkraftet hat. Wieder in den Knast zu kommen und alles.