Mit dem Projekt erhoffe ich mir, dass ich sage immer, wenn ich nur einen erreiche, erreiche ich alle. Man soll auch in uns Menschen sehen, bzw. in mir, in dem Fall geht es ja um mich, aber auch um uns, dass man einfach sieht, dass wir nicht irgendwelche Gegenstände sind, die einfach weggesperrt werden und zu irgendwelchen Terminen bereitgestellt werden, sondern dass wir einfach genauso Menschen sind.

Ich merke wie hier nach Aktenlage verurteilt wird, wo der Mensch selber, habe ich das Gefühl, nicht so wichtig ist. Ich weiß es von meiner letzten Verhandlung primär auch noch. Wenn es zum Beispiel darum ging, als ich gesagt habe, dass ich immer gegen meine Sucht angekämpft habe und der Richter dann richtig provokant in die Akten schaut und fragt: "...Wo denn, wo haben sie gekämpft, wo denn?" Das kann der nicht sehen, das geht nicht. Ja dann frage ich mich, wonach urteilt ihr? - Nach Aktenlage, ihr seht die Sekunden, die da festgehalten sind von meinem ganzen Leben, ich meine ... was na ja, ich finde es halt traurig.

Eingesperrt worden bin ich insgesamt fünf Mal, zähle aber als zweimalig. Einmal ging die Haft zwei Monate lang, aber das zählt ja nicht, es zählt immer erst ab drei Monaten und eine Strafe habe ich auf zwei Mal abgesessen. Ich war auch schon einmal rund zwei Jahre auf Flucht draußen. Ich kann das nicht, mich selber stellen. Jetzt hat sich einiges geändert, ich habe jetzt Lockerungen und Ausgang bekommen und komme selbständig wieder. War jetzt schon zwei Mal draußen. Es ist ein komisches Gefühl wieder zurück zu kommen, zu sagen: hier bin ich ist ein sehr komisches Gefühl.

Die Welt dreht sich hier drinnen anders als draußen. Es ist auch eine Welt hier drinnen, aber eine Welt für sich, abgeschnitten von der tatsächlichen Welt.

Meine Probleme mit dem Gesetz haben mit Diebstahl, Ladendiebstahl angefangen. Ich glaube das hat so ziemlich jeder Jugendliche hinter sich. Oder sei es nur Geldmünzen auf Schienen zu legen, weil sie danach so schön platt sind, da war auch schon die Polizei bei mir. Viele Kleinigkeiten eben, das hat wahrscheinlich schon so mit zehn angefangen, kann ich aber nicht mehr genau fest machen. Das erste Mal verhaftet, wurde ich gleich nach meinem achtzehnten Geburtstag, beziehungsweise mit vierzehn, wenn man den Ladendiebstahl damals mit berücksichtigt. Da bin ich mit vierzehn das erste Mal beim Klauen erwischt worden. Genau am vierzehnten Geburtstag, als ich strafmündig geworden bin, das hat mir dann schon gestunken. Jahre lang davor auch schon geklaut aber so ist das halt.

Ich bin schwer drogenabhängig, schon seit zwanzig Jahren ungefähr. Die Gesellschaft meint immer, es gäbe ein Medikament dagegen oder Therapie sei so etwas wie ein Medikament und danach muss es passen, aber so ist es halt nicht.

Ich versuche immer, egal in welcher Lage ich bin, immer irgendetwas Positives zu finden. Ich gebe einfach nicht auf das darf man nicht machen. Ich kann Menschen verstehen, die den Kopf hängen lassen, ich kann es vollkommen verstehen, weil wir in einer Welt leben, wo es wirklich nicht einfach ist.

Ich war zwar den Großteil meines Lebens nicht nüchtern, aber ich will nüchtern sein, das ist ein Kampf, ganz klar, das ist die Flucht. Ich will auch unbedingt nüchtern sterben.

Wirklich gearbeitet habe ich noch nie. Ich habe schon einmal gearbeitet, klar, aber Eine Lehre habe ich mal angefangen als Stahlbetonbauer, dann habe ich Eisenbinder gemacht und habe in irgendwelchen Fabriken gearbeitet, aber das ist irgendwie nicht meine Welt, das ist es einfach nicht.

Ich hab ein Kind. Es wird vierzehn dieses Jahr. Wir haben aber schon seit ein paar Jahren keinen Kontakt mehr. Ich werde jetzt in näherer Zeit aber wieder einen Kontakt aufbauen. Das ist mir sehr wichtig sehr, sehr wichtig.
Den Kontakt habe ich abgebrochen. Es war eine schwierige Situation. Ich war drogensüchtig und habe nie wirklich Geld gehabt. Wenn ich Geld hatte, habe ich es rausgeschmissen. Ich habe schon versucht einen Kontakt zu halten, aber das war immer mit sehr, sehr viel Stress verbunden und das wollte ich mir, das sag ich jetzt ganz egoistisch, mir und auch meinem Sohn nicht antun. Familiär war das von ihrer Seite her sehr schwierig, von den Eltern her. Die mochten mich überhaupt nicht.

Bis zu seinem fünften Lebensjahr hatten wir guten Kontakt. Es war sehr schön, er hat sich auch immer gefreut, wenn ich gekommen bin, wie auch ich mich gefreut habe, wenn ich gekommen bin, ganz klar. Ich hab ein Problem damit gehabt, dass die Mutter zum Beispiel dann immer versucht hat ihm abzugewöhnen zu mir Papa zu sagen. Er hat es aber trotzdem immer gemacht, weil er mich einfach geliebt hat, das habe ich gespürt. Ich vergesse keine Sekunde in diesen fünf Jahren, ich werde nicht eine Sekunde vergessen. Das ist alles da drinnen, das nimmt mir niemand mehr.
Unterhalt habe ich nur manchmal bezahlt. Aber ich habe mir jetzt etwas überlegt. Ich werde eine Abmachung mit meiner Exfrau treffen, dass ich sage: Hier hast du 10.000 Euro, dann unterschreibst du mir, dass bis jetzt keine Unterhaltsschuld mehr besteht. Ich habe ein paar Leute, die mir mit dem Geld helfen. Die stehen hinter mir, das ist zusammengelegt einfach. Ich wollte eigentlich zuerst die Therapie selber bezahlen, also durch diese Hilfe nennen wir es Spenden. Aber das ist alles so kompliziert geworden und jeder hat blöde Fragen gestellt, dass ich gesagt habe: Ich mache jetzt die Endstrafe, scheiß auf die Therapie, ich schaue, dass ich einen Kontakt zu meinem Kind bekomme. Dass ich da ein geklärtes Verhältnis habe und das wird für mich die beste Therapie sein, die mache ich jetzt einfach mit mir selber. Ich brauche das System nicht dazu.

Ich könnte ihm schreiben, nur macht das jetzt keinen großen Sinn. Ich habe jetzt auch die Ausgänge und werde das jetzt in Form der Ausgänge irgendwie versuchen, zu regeln.

Jetzt habe ich noch zehn Monate offen. Ich könnte zwar schon in einem Monat raus, wenn ich auf Therapie gehe, aber ich habe mich dazu entschlossen, dass ich das nicht mehr mache. Einer Therapie traue ich nicht mehr. So eine Therapie kann etwas sehr Schönes sein, wirklich. Der Haft vertraue ich in keinster Weise, weil ich das, was ich hier mit mir mache, selber mache. Das macht hier kein Beamter, das macht keine Justiz, macht niemand. Das mache nur ich. Das bin ich alleine, situationsbedingt. Ich mache das nur an der Situation fest, und sonst an gar nichts. Ich fühl mich auch suchtkrank. Krank klar, stimmt ja irgendwo. Das ist aus irgendeiner Unzufriedenheit geboren, weiß ich nicht. Auf der Suche nach Zufriedenheit, auf der Suche nach keine Ahnung. Im Grunde sucht jeder nach irgendwas, jeder will irgendwie irgendetwas haben.

Ich halte nicht sehr viel von meinem Vater. Mein Vater ist halt ziemlich heftig. Wo er jetzt lebt weiß ich nicht, aber ich lege auch keinen Wert auf den Kontakt.

Meine Mutter ist jemand, den ich sehr, sehr liebe. Meine Mutter ist jemand, zu dem ich einen sehr, sehr engen Bezug pflege. Hinter der ich zu 100 % und mehr stehe, in all ihren Handlungen und ihr sehr, sehr dankbar bin für das Herz, das Gewissen und den Verstand, den sie mir mitgegeben hat. Für den Rest, was aus mir geworden ist, kann sie nichts.

Meine Mutter hat am Anfang gesagt, ich sei hier sehr gut aufgehoben. Kann ich sehr gut verstehen ich meine, ich war die meiste Zeit meines Lebens dicht, auf Drogen, nicht wirklich ich selber. Hier konnte sie mich eine dreiviertel Stunde, drei Mal im Monat besuchen und da hat sie mich diese dreiviertel Stunde ganz. Und ich bin nüchtern. In diesem Moment spüre ich fast meine Tränen. Ich gönne ihr das zu Millionen von Prozent, ich kann das nicht beschreiben, das ist eine Herzenssache, das spüre ich richtig. Und ich bin froh für jede Minute, in der sie mich nüchtern hat.
Ich mache mir bezüglich der Sucht nichts vor. Ich weiß nicht was kommt. Ich hab auch zu meiner Mutter gesagt: Mama, ich werde dir nicht versprechen, nie wieder Drogen zu nehmen, weil ich das nicht weiß, da mache ich mir was vor. Und wenn ich mir da was vormache, dann sehe ich die Steine nicht, die sich mir in den Weg stellen, weil ich sie mir einfach wegdenke und sie sind doch da und irgendwann laufe ich rein. Wenn der Sinn der Resozialisierung darin liegt, in einem Trott zu leben und ich das für mich so annehme, dann werde ich wahrscheinlich bis an mein Lebensende Drogen brauchen. Es ist einfach so, weil ich den Trott nüchtern nicht überleben werde. Diesen Resozialisierungstrott dass alles seine festen Zeiten hat, alles seine fast maschinelle Funktion hat, immer das gleiche. Ich spüre die Tage nicht mehr, ich spüre sie nicht mehr im Einzelnen. Ich merke am Ende der Woche, dass die Woche vorbei ist. Morgen ist schon wieder Freitag, sage ich mir am Sonntag. Wenn das der Trott ist, dass das Leben wie auf der Autobahn verläuft, dann kann ich mein Leben mit Drogen auf der Autobahn weiter verbringen, weil das im Grunde auf das Gleiche hinauskommt. Ich sage mir, da gibt es irgendwelche Menschen, die irgendwelche Gesetze festlegen und nach deinem Herzen und deinem Rechtsempfinden wird nicht gefragt. In einem Wald, wenn ich das Rechtssystem Wald nenne, wo Gesetzte stehen wie Bäume, muss ich ja irgendwann gegen einen Baum laufen. Schule hat mich nicht interessiert. Ich war in der Schule zwar anwesend, aber ich habe immer gegen alles rebelliert. Ich hab immer alles als ungerecht empfunden, wusste nicht was richtig und falsch ist und dachte mir: das kann nur ungerecht sein. Ich habe als Kind immer eine Mauer um mich herum gebaut und konnte nichts wiedergeben, was verstanden wurde. Das schlimmste Erlebnis in meinem Leben war, dass ich als Kind akustisch mitbekommen habe, dass mein Vater meine Mutter in eine Scheibe geworfen hat. Oder wenn ich mir das bewusst mache, waren überhaupt die Enttäuschungen von meinem Vater sehr prägend, denke ich. Erwachsen sein, ich will nicht erwachsen sein. Um Gottes Willen, das ist ja das Schlimmste, das ist ja puh wenn, dann möchte ich weise und reif sein, aber nicht erwachsen. Erwachsen, das ist ja ein Schimpfwort in meinen Augen. Das ist ja eine Erfindung des kranken Systems. Wenn, dann möchte ich einen gewissen Grad an Reife, an Bewusstsein, an Weisheit erreichen, ja zu 100 %, aber kein so genanntes erwachsen sein, was ist denn erwachsen sein? Ich habe im Knast auch Freunde. Einer ist wie ein Bruder zu mir und wir halten sehr, sehr stark zusammen. Soll es auch im Knast geben, hätte zwar nie damit gerechnet, aber ist doch so gekommen. Mir ist hier bewusst geworden, dass meine Sucht eine Suche ist, eine Suche, die in die falsche Richtung läuft. Die Suche wurde in eine Sucht umgewandelt, um eine Befriedigung zu finden, die letztendlich gar keine ist. Man merkt, dass dieses Glücksgefühl, das man meint auf Droge zu haben gar keins ist, weil dieses Wohlbefinden eben kein Gefühl ist, mit dem man sich auseinandersetzen muss, weil es einfach weg ist. Weder positiv noch negativ. Dann stellt sich nicht mehr die Frage ob positiv oder negativ, es ist einfach kalt. Das ist dieses so genannte Glücksgefühl. Gut, das habe ich schon vorher festgestellt, aber man nimmt es ganz anders war, wenn man einen nüchternen Kopf hat.